[Subject Prev][Subject Next][Thread Prev][Thread Next][Subject Index][Thread Index]
Kritik: Der tote Taucher im Wald
- Subject: Kritik: Der tote Taucher im Wald
- From: Thomas Schlömer [FS] <thomas.schloemer@filmspiegel.de>
- Date: 15 Apr 2000 08:09:54 GMT
- Approved: tln@zedat.fu-berlin.de (drfk-mod)
- Expires: Tue, 16 May 2000 00:00:00 GMT
- Followup-to: de.rec.film.misc
- Keywords: schloemer 52/983 f179056
- Newsgroups: de.rec.film.kritiken
- Organization: None
- Sender: tln@zedat.fu-berlin.de (Thorsten L Nicolai)
- Xref: nr-do2.de.uu.net de.rec.film.kritiken:1013
Der tote Taucher im Wald
"Das is ne tote Leiche"
Inhalt
Das Leben ist ein langer ruhiger Fluß im Provinzkaff Ganzlin. Nach einem
Waldbrand wird die verkohlte Leiche eines Mannes im Taucheranzug entdeckt,
der nächste See ist aber kilometerweit entfernt. Dann taucht eine
zerstückelte Frauenleiche auf, verpackt in der Tasche eines Getränkemarktes.
Und zu allem Überfluß tritt Kommissar Hartwichs (Dieter Pfaff) Nachfolger,
der junge Tobias Kutschke (Jens Schäfer), genau an diesem Tag seinen Dienst
in der gestörten Idylle an. Mit den ersten beiden Toten in 20 Jahren bekommt
Kutschke einen Einstand nach Maß spendiert. Die Zeit wird knapp, und für
Kommissar Hartwich tickt die Uhr noch aus einem ganz anderen Grund.
Meinung Flemming (fs) 1/10
Kurzkommentar
Willkommen zum vielleicht absonderlichsten und unnötigsten Film des Jahres.
Marcus O. Rosenmüllers handwerklich überbetonter Regieerstling bietet neben
dem grotesken Titel zwar künstlerische Trashoptik, sonst aber nur
erzählerische wie darstellerische Peinlichkeiten in gesättigter Langeweile.
Kritik
Es mag für den deutschen Film impulsgebend sein, mit Versatzstücken zu
experimentieren und vielen Jungregisseuren eine Chance zu geben. Doch wo ein
Wille ist, muss nicht immer ein Ziel sein, denn "Der Taucher im Wald" säuft
vorher gnadenlos ab. Völlig zu Recht wird er keine Besucher finden. Die
Faktizität hinter dem Titel ist neben der Technik das einzige Phänomen
dieses konzeptlosen Regiedebüts von Marcus O. Rosenmüller.
Hitchcock und andere haben demonstriert, wie die Plotstruktur und
Dramaturgie eines Krimis auszusehen hat, in dem der Mörder von vornherein
bekannt ist. Aber Rosenmüller scheint beim ideenlosen Zusammenschustern des
Drehbuchs im ganzem Neulingseifer vergessen zu haben, unter dem Stichwort
"Spannung" nachzuschlagen. So ist sein stilisiertes Weder-Noch in erster
Linie eines: sechsundneunzig Minuten hochkonzentrierte Langeweile. Es ist
schon auffällig, wie sehr der deutsche Film in letzter Zeit von Form und
nicht von Inhalt lebt. Der Trend, trashige Kunstwelten irgendwo zwischen
Surrealismus und 70er Jahre Pop zu entwerfen und die Handlung dabei erst an
zweiter Stelle zu verorten, ist ziemlich breitgetreten. Aber der Retrolook
wird auch nach Rosenmüllers Debakel weitere Vetreter finden.
Nur wird es auf Dauer ziemlich nervtötend, experimentelle Form ohne Inhalt
vorgesetzt zu bekommen. So auch beim "toten Taucher". Alles ist auf die
bestmögliche Abstimmung von Bild und Ton bedacht und allein die Kameraarbeit
bietet Perspektive. Aus schrägen Einstellungen wird die rhythmisch geformte
Erzählödnis sehr kunstvoll in Szene gesetzt. Die wummernde Technomusik gibt
dem hektischen, schon zerstückelndem Schnitt gekonnt den Takt, lenkt aber
nicht von der Penetranz der optischen Fuchteleien ab. Das entspricht nicht
nur hinsichtlich der Form einem Videoclip.
Nach dem Fund des Froschmannes im Wald wird nicht nur die Handlung, sondern
auch die Psychen der einzelnen Personen minimalisiert. Schade, hat
Rosenmüller doch mit Axel Milberg und Dieter Pfaff zwei wirklich fähige
Darsteller. Doch Milberg wird pappkameradenhaft in die Killerrolle gepackt
und darf aufgrund des lächerlichen Erzählgerüsts hochgerechnet zehn Sätze
sagen. Charakterliche Tiefen gibt es genausowenig wie die Erklärung
irgendeiner Handlungsmotivation. Mehlberg tritt als eigentliche Kernperson
paradoxerweise so gut wie gar nicht auf. Auch Dieter Pfaff wird jeden Chance
auf facettenhaftes Spiel genommen. Ausgebrandt kaut er klischeegetränkt auf
seiner Zigarre und nervt nur durch sein Brüllen. Dass er lebensbedrohlich
erkrankt ist, wird so beiläufig zur Sprache gebracht, dass es erst gar nicht
ins Gewicht fällt. Der Pseudoeinsatz von Sportshowmoderator Johannes B.
Kerner setzt dem angestrengten Murks die Krone auf. Nein, auch witzig ist
das nicht.
Der Rest an Spannung, der bei dieser gedankenarmen Nullnummer hätte übrig
bleiben können, wird von zerfasernder Optik aufgelöst. "Der Taucher im Wald"
hätte in Anlehung an die Filme der Coen-Brüder viel Potential für eine
phantasievolle Groteske oder eine rabenschwarze Komödie geboten. Aber trotz
der netten zersägten Sporttaschenleiche verstößt Formästhet Rosenmüller
gegen jede funktionierende Krimi- und Komödienrichtlinie. Er weiß nicht, was
er sagen könnte. Wir auch nicht. Soviel Stumpfsinn raubt einem Nerven, Zeit
und Worte.
Und wieder einmal wird der deutsche Film zurückgeworfen. Genauso widersinnig
wie der Titel klingt die Forderung, den heimischen Film wieder reaktionärer
zu machen, um ihn voranzubringen. Dennoch hat sie einen wahren Kern. Mit
Produktionen amerikanischer und europäischer Provenienz kann nur dann
konkurriert werden, wenn sich hiesige Filme auf starke Erzählstoffe
besinnen. Mit dem "toten Taucher" ersäuft die Qualität deutscher
Produktionen derweil ein Stück weiter.
Substanzloser Videoclip und peinlich abgesoffene Krimigroteske
Der tote Taucher im Wald
Originaltitel Der tote Taucher im Wald
Starttermin 06.04.2000
Genre Krimi
Daten Deutschland 2000, 96 Min., FSK 12
Regie Marcus O. Rosenmüller
Drehbuch / Vorlage -
Darsteller Dieter Pfaff, Axel Milberg, Jens Schäfer u.a.
Trailer auf offizieller Homepage