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Kritik: Eine pornographische Beziehung
- Subject: Kritik: Eine pornographische Beziehung
- From: Thomas Schlömer [FS] <thomas.schloemer@filmspiegel.de>
- Date: 15 Apr 2000 08:09:56 GMT
- Approved: tln@zedat.fu-berlin.de (drfk-mod)
- Expires: Tue, 16 May 2000 00:00:00 GMT
- Followup-to: de.rec.film.misc
- Keywords: schloemer 53/984 f184570
- Newsgroups: de.rec.film.kritiken
- Organization: None
- Sender: tln@zedat.fu-berlin.de (Thorsten L Nicolai)
- Xref: nr-do2.de.uu.net de.rec.film.kritiken:1014
Eine pornografische Beziehung
"Eines Tages wirst du mich hassen, und alles, was uns bleiben wird, sind die
Erinnerungen"
Inhalt
Eine Frau (Nathalie Baye) hat in einem Sexmagazin eine Kontaktanzeige
aufgegeben. Ein Mann (Sergi Lopez) antwortet, sie treffen sich in einem Café
und finden sich auf Anhieb sympathisch. Gemeinsam leben sie auf einem
Hotelzimmer ihre sexuellen Phantasien aus und beschließen, sich regelmäßig
wiederzusehen. Eigentlich unerwartet schleicht sich nach und nach leise die
Liebe ins Spiel und macht die Beziehung viel komplizierter, als ursprünglich
gedacht.
Meinung Flemming (fs) 8/10
Kurzkommentar
Eine feinfühlige, ruhige Erzählung und eindringliche Darstellerleistungen
machen aus dem "pornografischen" ein weises, vielleicht sogar befreiendenes
Drama einer Liebe. Die reflektierende Darstellung birgt wundervolle
Kinoaugenblicke und entzieht sich klug einer eindimensionalen Klärung.
Kritik
Ihre Namen bleiben ebenso verborgen wie ihre Identitäten. Sie ist einfach
nur "Sie", er ist "Er". So wird das Geheimnisvolle, das Distanzierte und
gleichzeitig Unmittelbare gewahrt. Alles ist flüchtig, exemplarisch,
beliebig und doch etwas Besonderes. In Interviews beginnen die
Protagonisten, mit ausdrucksvollen, wehmütigen Gesichtern die Geschichte
ihrer ungewöhnlichen Liason von Beginn an aufzurollen. Am Anfang stand das
Verlangen nach einer sexuellen Phantasie, um sich von der quälenden
Sehnsucht nach ihr auf ewig befreit zu sehen.
Der provokante und gleichzeitig widersinnige Titel führt bewusst in die Irre
und bezeichnet gekonnt den achronischen Entwicklungsgang von Frédéric
Fonteynes Melodram. Sehr erhellend ist, die Beziehung eben nicht nach
konventioneller Vorstellung, also mit dem zaghaften Herantasten beginnen und
mit Sex enden zu lassen, sondern im Gegenteil. Alles nimmt seinen Anfang im
Intimsten, in das die wohldurchdachte Schilderung nur bedingt vorstößt. Auf
Sexszenen, die viel Fleisch, aber keine Erotik zeigen, wird dankbarerweise
verzichtet. Das Innige bleibt zusammem mit der sexuellen Phantasie
mysteriös.
Es ist, wie "Sie" es umschreibt, eine pornografische Beziehung in der
Hinsicht, dass psychische und partnerschaftliche Gesichtspunkte keine Rolle
spielen sollten, spielen durften. Aber anonymen Sex und keine "Liebe" zu
haben, kann auf Dauer nicht gut gehen. Nach der körperlichen Gewöhnung nimmt
das Verhängnis seinen Lauf und die Liebe ihren Anfang. "Er" wirft ein, dass
ihre Gespräche nicht ihr Leben betroffen haben, dass sie sich also
bedingungslos und ohne Frage nach der Vergangenheit aufeinander einließen.
Aber doch fehlte der Mut, gänzlich in das Leben des Anderen zu treten.
Lieber verharrten sie im Traum, von dem sie hofften, dass er etwas größeres
werden könnte, es aber nicht aussprachen, sondern letztlich annahmen, dass
die Brüchigkeit menschlicher Beziehungen über allem steht. So scheinen sie
bereits in der Gegenwart in der Erinnerung und der Vorstellung zu leben,
dass die wirkliche Liebe niemals die in sie gesetzten Erwartungen erfüllen
kann.
Das ist vielleicht keine aufregend neue Botschaft, aber Fonteynes hat sie im
positiven Sinne naiv und berührend umgesetzt. Die reife Erzählung spart mit
Dialogen in genau den richtigen Momenten und lebt unvergleichlich von den
ausdrucksstarken Mimiken der Darsteller. Ohnehin sind es Nathalie Baye, die
in Venedig den Preis als beste Darstellerin erhielt, und Sergi Lopez, die
dem Film eine selten glaubwürdige Note verleihen und ihn ohne viele Worte
mühelos tragen. Durch den Blickaustausch scheinen sie das Innerste des
Anderen besser als durch jedes Wort verstehen zu können - hier erzählt das
Schweigen. Besonders der Moment, in dem sie ihm endlich ihre Liebe gesteht,
ist ziemlich poetisch geraten, er wirkt wahr und nachhaltig. Als sich die
Liebenden in einer Szene mit einer zynischen Alten konfrontiert sehen, die
droht, sich im Todesfalle ihres Mannes umzubringen, weil der Schmerz nicht
zu ertragen wäre, werden sie nachhaltig mit der Vergänglichkeit
konfrontiert.
Ergänzt um die "umgedrehte", erfrischende Erzählökonomie und Bettszenen, die
wirklich als Erzählbausteine dienen, ergibt sich ein weiser, die Gefühlswelt
sensibel auslotender Film, der trotz weniger Worte sehr viel zu sagen hat.
Als nur in einem, aber entscheidenden Moment das Einfühlungsvermögen versagt
und der Blick des Anderen missgedeutet wird, kommt es zu dem, das sie im
Endeffekt trotzdem lächeln lässt: die schmunzelnd machende Erinnerung an
etwas, dessen letzten Schritt man aus Angst vor dem zeitlich begrenzten
Glück nicht wagte.
Fazit
Stimmungsvoll gereiftes Erinnern an eine versäumte Liebe
Eine pornografische Beziehung
Originaltitel Uni Liason Pornographique
Starttermin 13.04.2000
Genre Drama
Daten Frankreich 1999, 81 Min., FSK 12
Regie Frédéric Fonteyne
Drehbuch / Vorlage Philippe Blasband
Darsteller Nathalie Bayne und Sergi Lopez
Trailer -