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Kritik: Gladiator
- Subject: Kritik: Gladiator
- From: Thomas Schlömer [FS] <thomas.schloemer@filmspiegel.de>
- Date: 20 Apr 2000 06:26:47 GMT
- Approved: tln@zedat.fu-berlin.de (drfk-mod)
- Expires: Sun, 21 May 2000 00:00:00 GMT
- Followup-to: de.rec.film.misc
- Keywords: schloemer 56/989 f068063
- Newsgroups: de.rec.film.kritiken
- Organization: None
- Sender: tln@zedat.fu-berlin.de (Thorsten L Nicolai)
- Xref: nr-do2.de.uu.net de.rec.film.kritiken:1019
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Gladiator
"The sand of the collosseum is the beating heart of Rome"
Inhalt
Zur Blütezeit des römischen Reiches sehnt sich General Maximus (Russell
Crowe) nach einer weiteren gewonnen Schlacht nur zurück zu Frau und Familie.
Der im Sterben liegende Imperator Marcus Aurelius (Richard Harris) hingegen
hat für den verehrten General noch eine einzige weitere Aufgabe : er soll
Aurelius' Mantel der Macht überstreifen und Rom als Imperator anführen.
Eifersüchtig und erbost über das fehlende Vertrauen seines Vaters, ordnet
Aurelius' Sohn Commodus (Joaquin Phoenix) an, Maximus und seine Familie zu
töten. Im Gegensatz zu Frau und Sohn entkommt Maximus seiner Exekution,
gerät jedoch in sklavische Gefangenschaft und muß fortan als Gladiator zur
Unterhaltung der römischen Zuschauer um sein Leben kämpfen - nur mit dem
Ziel vor Augen, den neuen Cäsar Commodus für seine Familie bezahlen zu
lassen...
Übersicht
Flemming: Effektvolle, jedoch unepische Wiederbelebung eines Genres 7/10
Thomas: Meisterhaftes Historienabenteuer in gigantischer Optik und Akustik
9/10
Meinung Flemming (fs) 7/10
Kurzkommentar
Im gebührenden Großformat entmottet Ridley Scott ("Alien") das vergessene
Genre des Sandalenschinkens. Das bildmächtige Ergebnis unterhält zwar, ist
aber unepisch, ohne Pathos und durch einen ausgelatschten Plot phasenweise
zäh. Zudem wird nicht die Masse an Action geboten wird, die der
programmatische Titel verspricht. Doch lustig-heroische Klänge, überzeugende
Hauptdarsteller und eine brilliante Optik machen "Gladiator" erlebenswert.
Kritik
"Brot und Spiele" - schon im antiken Rom vor Cäsar wussten die Imperatoren
von innenpolitischem Verfall und sozialer Ungleichheit gewieft abzulenken.
Um Proteste und die Wut des leicht zu manipulierenden "Mobs" für die
Herrschenden gefahrlos zu entladen, wurden im dritten vorchristlichen
Jahrhundert erste Gladiatorenkämpfe (Gladius=Das Schwert; Gladiator=Der mit
dem Schwert Kämpfende) mit Sklaven, Kriegsgefangenen und verurteilten
Verbrechern abgehalten. Die fremdartigen Rüstungen und Waffen der
Gladiatoren durften mit denen der römischen Legionen nichts gemein haben, da
bereits ihr Äußeres als barbarisch und unwert gebrandmarkt werden sollte.
Ihr Tod wurde bis zum Verbot der Kämpfe im fünften nachchristlichen
Jahrhundert, kurz vor dem Untergang des weströmischen Reiches, als blutiges
Spektakel inszeniert und zum bestimmenden Faktor in der römischen
Fest"kultur". Tausende ließen in der Arena des gigantischen Kollosseums, in
der sogar Seeschlachten nachgestellt wurden, ihr Leben und peitschten die
Masse auf. Mit dem Mythos und der "ewigen Stadt" Rom ist bis heute nicht nur
die geistige Größe der Antike, sondern auch die Erinnerung an beispiellose
Schlachterei und Barbarei lebendig geblieben.
Wenn sich heute ein Regisseur daran macht, jene menschenverachtende
Faszination schon im Titel seines Films zum Programm zu erheben, scheint er
es auf Verlangen einer Gesellschaft zu tun, die, utopielos und langweilig,
den künstlichen Kick sucht. So braucht auch die Gegenwart ihre Gladiatoren,
ihre körperlichen Helden, und am besten die, die dem abgestorbenen Alltag
durch die Unmittelbarkeit des inszenierten Tods überhaupt noch so etwas wie
Leben einhauchen (gemäßigt in "Fight Club"). Auch die Footballspieler aus
Oliver Stones "An jedem verdammten Sonntag" sind eben nur die gezähmte
Kopie, der das Endgültige fehlt.
Bis die Zukunft vielleicht irgendwann den Rückschritt zum Original bringt,
begnügen wir uns mit seiner Leinwandreplik, geliefert von der bröckelnden
Regielegende Ridley Scott. Mit "Alien" und "Blade Runner" markierte er
Anfang der 80er Jahre den Zenit seines Schaffens und begründete seinen Ruhm,
ließ ersteren jedoch gleich wieder hinter sich und zehrt vom letzteren noch
heute. Nie wieder brachte er den visionären, ästhetischen Weltenentwurf von
"Blade Runner" oder die Spannung eines "Alien" hervor. Von seinem Schaffen
der fühen 90er Jahre sind am ehesten "Thelma & Louise" und "Black Rain" in
Erinnerung geblieben. Es folgte ein unvergleichlich bild- und
methapernmächtiges, aber sonst schwaches Columbusepos und der unverzeihlich
militante Unfug "G.I. Jane". Scotts Filme lebten weiter von ihrem visuellen
Pathos, aber die Zuschauer blieben aus. Um seinen Marktwert mit einem
bitternötigen Blockbuster zu erhöhen, besann er sich auf Zweierlei: auf das
seit vierzig Jahren eigentlich ausrangiertes Genre des "Sandalenfilms" und
auf das, was er am Besten kann: Welten bauen. "Rome wasn´t rebuild in a day"
liest sich im Presseheft. Das Ergebnis kann sich sehen lassen und vermittelt
einen ungefähren Eindruck von der Pracht des 476 n. Chr. untergegangenen
Westreiches.
Bis wir diese jedoch zu Gesicht bekommen, sind schon gute vierzig Minuten
verstrichen, in denen zu wenig geschieht. Zugegeben, die traumruhige
Eingangssequenz, in der eine Hand über ein sich im Wind wiegendes Kornfeld
streicht, korresponiert beispiellhaft mit der der einleitenden Schlacht.
Eigentlich ist diese verzichtbar, aber wir bekommen ja par excellence das
serviert, was wir nach dem hyperrealistischen "Braveheart" ("Köpfen, um des
Köpfens Willens") erwarten. Den auf die wilden Klischeegermanen
niederprasselnden Pfeilregen muss man gesehen haben, das direkte Gemetzel
ist hingegen zu schockartig geschnitten. Schnell ist´s vorbei. Schön, denkt
man, gleich geht´s ja ins Kolosseum und dort wird wohl die Wucht erst
richtig losbrechen. "Gladiator" hat somit ein Problem: Auch "Spartacus" und
"Ben Hur" waren programmatische Titel, aber Kampf und großes Befreiungsepos
hielten in den wegweisenden Heldenschinken geschickt Balance. Die Geschichte
und der einfach riesenhafte Gesamtentwurf war für sie mithin das treibende
Moment. Eine ganze Zeit schien spürbar. Dass sich bei Scott das
Gleichgewicht verliert und sich der Schwerpunkt in der Erwartung auf
Bombastaction verlagert, ist der "heiß machende" Titel in Schuld. Er
verspricht, was er nur bedingt hält: Atemberaubender Kawumm satt im
Kollosseum. Aber um nicht für blöd zu gelten, darf ja nicht der epische
Anspruch fehlen, der den Sandalenfilm erst zu dem macht, was er wurde. Dann
paraphrasiert sich der Heldengesang so: "The general who became a slave, the
slave wo became a gladiator, the gladiator who defied and empire".
Aha, die Zeit der Sandalenepen scheint aber verflossen, denn das Drehbuch
ist - wie sagt man passend? - ausgelatscht. Dabei ist seine stereotype
Konstruktion nicht einmal das Schlimmste, sondern die Art des
Plotentwicklung. Episch heißt umfassend, lebendig im Detail, aber vor allem
weit ausholend und bewegend erzählen - In "Gladiator" erzählt wenig und
bewegt wenig. Der Film will als Epos gelten, ist aber nur wie die Gegenwart,
nämlich schnell verdaut. Was prinzipiell fehlt, ist der Eindruck des
Monumentalen. Die Geschichte um Stolz, Ruhm, Verrat und Rache ist herzlich
lau und stört eigentlich nur zwischen den druckstarkten Kampfszenen, von
denen es eben zu wenig gibt. Ihre Optik erinnert zusammen mit dem virtuosen
Setdesign an die Klasse Scotts. Die Besetzung der Rollen ist derweil
durchweg glänzend, wenn da der störende Fleischbrocken Ralf Möller nicht
wäre, von dem man sich die ganze Zeit fragt, wieso er noch lebt. Russell
Crowe, für den "Insider" eine Oscarnominierung wert, kann vielleicht endlich
für den Mainstream entdeckt werden. Der Charakter Maximus scheint wie für
ihn geschaffen, die eng gesteckten Grenzen des Drehbuchs füllt er
"heldenhaft". Maximus´ Maxime: Diener Roms, komme, was da wolle. Sein Weinen
sieht peinlich aus, das Kämpfen nicht. A propos Weinen: Joaquin Phoenix als
tränenbeflissener Tyrann ist köstlich: das Spannungsverhältnis zwischen der
Fähigkeit zu Verletzen und der Angst verletzt zu werden trägt er glänzend,
nervt aber irgendwann.
Ebenso wie ein epischer Gesamtentwurf geht letztlich das dramatische Konzept
abhanden. Übermäßig spannend ist der reichbebilderte Nostalgietrip nämlich
nicht und enttäuscht en Gros jene Erwartungen, die von einer pompösen
Reanimierung des Römerschinkens fürs neue Jahrtausend träumten. Aber wie die
konkrete Form dieses Traums aussehen sollte, war eben unsicher. So wurde aus
"Gladiator" kein Epos, sondern moderne Kurzzeitaction in klassischem Gewand.
Und trotz aller Kritik vereinen sich Ausstattung, Scotts handwerkliches
Genie und Zimmers mächtig heroische Musik zu einem zähen, aber
erlebenswerten Oberflächentrip. Pathos bricht selten durch, aber die
allegorischen Schlussszenen spannen atmossphärisch brilliant den Bogen zur
Einleitung. Obwohl die Tiefe in Scotts Werken schon lange dem Ringen um
Popularität zum Opfer fiel, sehenswert sind sie noch immer. Aber vielleicht
braucht "Gladiator" auch einfach nur Zeit, um irgendwann mit "Ben Hur" und
"Spartacus" in einem Atemzug genannt zu werden.
Fazit
Effektvolle, jedoch unepische Wiederbelebung eines Genres
Meinung Thomas (ts) 9/10
Kurzkommentar
"Gladiator" erfüllt in jeder Hinsicht die Kriterien eines großartigen
Kinofilms: charismatischer Held (verkörpert durch einen grandiosen Russell
Crowe), fulminante Optik, kompositorisch geniale Akustik, eingebettet in
einer mehr als soliden Hintergrundgeschichte. Glücklicherweise behält Ridley
Scott immer die Balance zwischen Gewaltdarstellung und feinfühligeren
Elementen. Das einzige, was jetzt noch fehlt, sind die Zuschauer, die den
Produzenten bestätigen, dass das Interesse an gigantischen Monumentalfilmen
noch nicht vergangen ist. Wow ... bitte gehen Sie in diesen Film !
Kritik
Filme, die die eigenen hohen Erwartungen noch übertreffen, sind wahrlich
selten gesät. Daran sind in meinem Fall sowohl "Matrix" als auch "Star
Wars - Episode I" gescheitert, die meine Erwartungen aber immerhin noch
erfüllen konnten. Ridley Scott's neuester Film hingegen ist das seltene
Kunststück gelungen.
"Gladiaton" ist phänomenales Abenteuer, intensives Erzählerlebniss und
historische Zeitreise zugleich. Ein Filme der Marke "Gänsehaut", der mit dem
ersten Ton der Filmmusik einen Adrenalinschub entfacht, der erst beim
erneuten Erhellen des Kinosaals wieder langsam abschwacht. Ein Film - oder
besser - ein cineastisches Erlebnis, welches heutzutage nur allzu selten
vorkommt und definitiv eines dieser epischen Meisterwerke, die gerade auf
der großen Kinoleinwand erlebt werden müssen, um ihre volle Anziehungskraft
entfalten zu können.
"Gladiator" - das ist Russell Crowe in einer der charismatischsten,
heldenhaftesten Rollen, die Hollywoods Drehbuchautoren je entschlüpft sind.
Als großartiger Kämpfer und talentierte Führungspersönlichkeit nimmt er als
Maximus mühelos das Publikum gefangen und steht sofort im Mittelpunkt des
Geschehens. Sein Auftreten und seine Ausstrahlung sind mit nichts geringerem
als beeindruckend zu bezeichnen, seine Stimme läßt - zumindest im englischen
Original - den Zuschauern das Blut in den Adern gefrieren. Wenn er dem
Imperator ein "I will have my vengeance" entgegenbringt, läuft es einem
eiskalt den Rücken runter. Unterlegt mit symbolischen Bildern (ein Regen von
zierlichen Blüten schwebt sanft den rauhen Gladiatoren entgegen) zeugt der
Film von meisterhafter Inszenierung seitens Ridley Scott's und begnadetem
Charisma seitens Russell Crowe's.
Auch die meisten Nebendarsteller sind passend besetzt und füllen ihre Rolle
glänzend aus. Vor allem Connie Nielson als mental starke Frau, und Tochter
des gutmütigen Imperators Aurelius sei hier genannt. Ihr Auftritt kann in
jeder Beziehung als bezaubernd gelten. Selbst der deutsche
möchte-gern-Schauspieler Ralf Möller ist als wortkarger Gladiator bestens
aufgehoben. Als fragwürdige Besetzung oder zumindest Ausführung muß hingegen
die Rolle von Joaquin Phoenix als neuer Cäsar Commodus gelten. Sein
verängstigt-zerrissenes und zugleich rücksichtslos-brutales Auftreten ist
nicht nur des öfteren eher schlecht denn recht umgesetzt. Seine gesamte
Ausstrahlung als Cäsar zeichnet ihn nur allzu typisch als typischen
Hollywood-Bösewicht aus. So sind seine Dialog-Szenen denn auch die
schwächsten des ganzen Films, ziehen sie doch die zwar solide aber doch
wenig innovative Hintergrundstory unnötig in die Länge und verhindern nicht
zuletzt deswegen die perfekte 10.
Damit hingegen schon genug der mickrigen Kritik an diesem phänomenalen
Filmerlebniss. Weite Kamerafahrten, atemberaubende Perspektiven und eine
authentisch-gigantische Nachbildung des alten Roms und seines
Vorzeigebauwerks dem Kolosseum wirken - wie der Name nahelegt - einfach
kolossal. Dazu wird genauso wenig mit Massenszenen wie mit Brutalität
gespart. Wie ich finde - vor dem historischen Hintergrund - noch im
vertretbaren Rahmen; "Braveheart"-Zuschauer wird hier nichts mehr schocken.
Zudem verliert der Film nicht die Intention des erbitterten
Gladiatorendaseins Maximus' aus den Augen. Ridley Scott hat vor allem früher
mit "Blade Runner" und "Alien" bereits sein Händchen für atmosphärische
Optik bewiesen, ohne jedoch die Charaktere und ihr Schicksal aus den Augen
zu verlieren. Immer wieder schneiden Traumbilder Maximus' ins Geschehen und
stellen ein inszenatorisch bemerkenswertes Gleichgewicht zwischen brutalem
Gladiatoren- und tragischem Familienschicksal her. Wenn dazu dann noch
glasklare Klingen und Zimmers Filmmusik ertönt, ist das optisch und
akustische Filmerlebnis perfekt. Herrgott, Hans Zimmers kompositorische
Arbeit in Verbindung mit der eindringenden Stimme Lisa Gerrards ist sowohl
musikalisch wie auch filmdienlich mit nichts anderem als genial zu
beschreiben...
Selten ist mir ein intensiveres Kinoerlebniss begegnet. "Gladiator" braucht
in keinerlei Hinsicht irgendwelche Vergleiche zu scheuen; ob monumentale
Klassiker wie "Ben Hur" oder "Spartakus", oder modernere Filme epischen
Ausmaßes wie etwa "Braveheart". Wenn ich auch "Braveheart" insgesamt für das
bessere Abenteur halte (Story und Charaktere sind etwas ausgefeilter), so
punktet "Gladiator" mit einer starken Ausstattung, fulminanten Bildern und
qualitativ gleichwertiger Musik.
Wenn Sie sich in diesem Frühling/Sommer nur einen einzigen Film ansehen
dürften, wählen Sie "Gladiator", und zweieinhalb Stunden vergehen wie im
Flug...
Fazit
Meisterhaftes Historienabenteuer in gigantischer Optik und Akustik
Gladiator
Originaltitel Gladiator
Starttermin 25.05.2000
Genre Monumentalfilm
Daten USA, 145min, FSK 16 (?)
Regie Ridley Scott
Drehbuch / Vorlage David H. Franzoni, John Logan
Darsteller Russel Crowe, Joaquin Phoenix, Richard Harris, Djimon Hounsou,
Connie Nielson uvm.
Trailer Quicktime Teaser (9-26MB), Offizielle Site