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Kritik: Magnolia



Hallo!

Magnolia  17.04.2000  /  Apollo

189 Minuten - bei so einer Spieldauer überlegt man es sich zweimal, ob man
sich einen Film im Kino ansieht. Denn einen Flopp zu erwischen wäre bei
dieser Dauer äußerst ärgerlich. Doch keine Angst. "Magnolia" ist nicht nur
episch in seiner Spieldauer, sondern hat inhaltlich eine Menge zu bieten.
Anschauen, genießen und auf sich einwirken lassen.

Worum geht's?

Magnolia ist ein Episodenfilm in dem drei Handlungsfäden getrennt und
überlappend erzählt werden. Der Film will die Behauptung belegen, dass
nichts, aber auch absolut gar nichts zufällig geschieht und unser Schicksal
schon vorherbestimmt ist. Näheres zum Inhalt entnehmt bitte meiner eigenen
Meinung.

Ich meine:

"Und am Ende ergibt all das einen Sinn", heißt es im Trailer. Nun ja, ganz
zustimmen kann man dem nicht. Ein paar Fragen bleiben doch offen, doch
schmälert das den Kinogenuss nicht allzusehr.

Der Film rennt bereits seit mehreren Minuten und man wähnt sich noch in
einen der Filmvorschauen. Zu bizarr wirkte das gesehene, sodass man es mit
diesem Film verbinden hätte könnte. Was verraten uns die ersten paar
Filmminuten? Nun, nichts, aber auch wirklich gar nichts was passiert
geschieht aus reinem Zufall. Das Leben ist einem vorherbestimmt. Wenn man
sich aber speziell die "Knick Knatterton"-Szene (Eigenkreation) ansieht,
widerspricht sich Regisseur Anderson da wohl selbst ein bisschen. Sieht man
davon aber ab, dann kann man das Leben und die Begegnungen der einzelnen
Charaktere sehr wohl als schicksalhaft bezeichnen.

Die Handlung von "Magnolia" dehnt sich über drei große Handlungsrahmen. Im
ersten liegt Earl Partrige (Jason Robards) in seinem Sterbebett und hat nur
mehr einen letzten Wunsch: Er möchte mit seinem Sohn Frank Mackey (Tom
Cruise) Frieden schließen, den er vor Jahren mit seiner schwerkranken Mutter
sitzen hat lassen. Sein Pfleger Phil (Philip Seymour Hoffman) macht sich
sofort auf die Suche nach Frank und versucht ihn zu einem klärenden Gespräch
zu überreden. Doch gerade dies will Partriges Frau Linda (Julianne Moore)
verhindern.

Der zweite Handlungsstrang ist der subjektiv sympathischste. Polizist Jim
Kurring (John Reilly) trifft auf die drogensüchtige Claudia (Melora Walter)
und verliebt sich in diese. Kurring scheint in diesem Film übrigens der
einzig halbwegs gefestigte Charakter zu sein. Schuld an Claudias
Gesundheitszustand ist ihr Vater Jimmy Gator (Philip Baker Hall) der diesen
Handlungsfaden mit dem dritten verbindet.

Gator ist der Quizmaster der Show "Was wissen Kinder" welche er bereits seit
über dreißig Jahren leitet. Gator liegt, genau so wie Partdrige, in seinen
letzten Zügen und auch er will Frieden schließen. In Jimmys Quizshow tritt
das Wunderkind Stanley (Jeremy Blackman) auf, der, einem Lexikon gleich, auf
wirklich jede Frage eine Antwort weiß. Doch er beginnt langsam den Sinn
seines Wissens zu hinterfragen. Sitzt er hier in dieser Show um sich selbst
zu beweisen oder nur um seinen geldgierigen Vater zu gefallen? Was passiert,
wenn man als Kind finanziell ausgenutzt wird, zeigt sich schließlich in
Donnie Smith (William May), der einst als Wunderkind gefeiert, heute
abgewrackt und beziehungsunfähig erscheint.

Alle drei Handlungsfäden sind durchwegs gelungen, doch muss man sich
wirklich fragen, ob es speziell am Anfang des Films notwendig war in einer
derart vulgären Sprache zu sprechen, sodass man ruhig überlegen kann die
Altersfreigabe hinauf zu setzen. Ein gänzliches Jugendverbot scheint mir
hier durchaus angebracht. Die Rolle des Sexgurus Frank Mackey war einfach
nur geschmacklos und trübt ein wenig den Filmgenuss.

Verbunden wird die gesamte Geschichte meistens akustisch. Ein besonderes
Highlight: In der Quizshow wird erläutert, was es mit einer Arie aus der
Oper "Carmen" auf sich hat und Stanley stimmt sie an. Die Handlungsfaden
wird gewechselt die Musik bleibt aber im Hintergrund und man beobachtet Jim
wie er tolpatschig versucht mit Claudia zu flirten. Ein anderes Mal stimmen
sämtliche Protagonisten in einen Chor ein (was teilweise unfreiwillig
komisch wirkte). Und schließlich beichtet Partrige kurz vor seinem Tod
seinem Pfleger seine Lebensünde. Während er erzählt wechselt das Bild auf
jede einzelnen Charakter und bleibt bei jenem stehen, auf welchen das
Erzählte ebenfalls zutrifft.

Tom Cruise wurde für seine Rolle mit einer Oscarnominierung belohnt. Das
kann ich nicht ganz nachvollziehen. Sicher, die große Versöhnungsszene
zwischen ihm und seinem Vater war wirklich hohe Schauspielkunst, aber warum
man ausgezeichnet wird, nur wenn man über einen Großteil des Films
Schweinereien von sich gibt verstehe ich nicht ganz. Viel eher hätte man der
grandiosen Julianne Moore eine zweiten Nominierung zugestehen können. Hier
wirkte sie um ein vielfaches besser als in dem langweiligen Film "Das Ende
einer Affäre". Ebenfalls herausragend: Philip Seymour Hoffman  als
Krankenpfleger Phil und William May, der den bemitleidenswerten Donnie Smith
einfach genial spielt.
Gut, aber eben nicht top waren die Leistungen von John Reilley und Melora
Walters, aber trotzdem gefielen sie mir am besten, weil sie einfach die
sympathischten Charaktere darstellten.

Fazit: 189 Minuten scheinen auf den ersten Blick etwas zu lange (die Rolle
von Tom Cruise in dieser Form wäre nicht notwendig gewesen), doch ob der
interessanten Charaktere vergehen hier die Stunden wie Minuten und man sieht
einen sehenswerten Film der sich ein paar Oscars verdient hätte. Für den
Mainstream ist "Magnolia" nicht geeignet, aber dafür umso mehr für Gourmets.

Persönliche Bewertung des Films: 9/10.

Grüße,

Claus
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