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Kritik: Man on the moon
- Subject: Kritik: Man on the moon
- From: "Claus Schlamadinger" <a9804531@unet.univie.ac.at>
- Date: 28 Apr 2000 07:01:38 GMT
- Approved: tln@zedat.fu-berlin.de (drfk-mod)
- Expires: Mon, 29 May 2000 00:00:00 GMT
- Followup-to: de.rec.film.misc
- Keywords: schlamadinger 17/1009 f107496
- Newsgroups: de.rec.film.kritiken
- Organization: Vienna University, Austria
- Sender: tln@zedat.fu-berlin.de (Thorsten L Nicolai)
- Xref: nr-do2.de.uu.net de.rec.film.kritiken:1039
Hallo!
Man on the Moon 04.04.2000 / Apollo (Sneak Preview)
Bereits zum zweiten Mal nach der "Trueman Show" liefert Jim Carrey eine
Leistung ab, die ihm nur die wenigsten zugetraut hätten. "Man on the Moon"
ist ein Film, welcher wirkliche und scheinbare Komik hinterfragt und das
Publikum vor die Frage stellt, ob es sich von Hollywood und prinzipiell vom
Showbiz nicht für dumm verkaufen lässt, indem man alles, was als lustig
gelten soll auch als lustig akzeptiert.
Worum gehts?
Der Komiker Andy Kaufmann (Jim Carrey) tingelt mit seiner Show durch diverse
Bars und ist mit ihnen nur selten erfolgreich. Sein Glück ist, dass just an
einem seiner bessern Tage ein Mannager (Danny de Vito) im Publikum sitzt und
ihn vom Fleck weg engagiert. Kaufmann hat anfangs Riesenerfolg beim
Massenpublikum, doch mit der Zeit beginnt er sich selbst zu fragen, was man
dem Publikum noch alles zumuten könne, ohne es nicht zum lachen zu bringen.
So wird er vom Kleinkunst- zum Brachialkomiker, dessen Humor nur mehr ganz
wenige verstehen. Aber auch das Kinopublikum beginnt sich zu fragen, ob
Kaufmann jetzt ein Genie oder ein Wahnsinniger war........
Ich meine:
"Man on the Moon" stellt die Biographie des 1985 an Lungenkrebs verstorbenen
Komikers Andy Kaufmann dar. Und wer hätte diesen verrückten Vogel besser
darstellen können als ein anderer verrückter Vogel. Doch im Vergleich zu
Kaufmann ist Carrey ein richtiger Charakterschauspieler, denn auf Grenzen
des guten Geschmacks legte Kaufmann nie wirklich viel wert.
Kaufmann ist in Europa nahezu unbekannt und man muss sich fragen, wie er in
Amerika so berühmt werden hat können. Er war nicht wirklich lustig, wirkte
teilweise sogar enorm abstoßend und viele Jokes, welche er machte wurden vom
Publikum nicht als solche gesehen --> Kaufmann wurde ein Buhmann. Was bot
sich da also mehr an, als eine Karriere als Wrestler zu starten.
Aber egal, was Kaufmann in seinem Leben auch machte: Für ihn war alles nur
Show und dem Zuschauer bot er eine perfekte Illusion. Nichts was er tat, war
real - alles war perfekt inszeniert. Dies fiel im spätestens dann auf den
Kopf, als er an Lungenkrebs erkrankte. Keiner war sich sicher: Ein neuer
Scherz von ihm, oder liegt er tatsächlich im Sterben? Und obwohl man
Kaufmann in seinem Sarg liegen sah, war man sich lange Zeit nicht sicher, ob
er nun wirklich tot sei. Noch lange nach dem Begräbnis war sich die Familie
nicht sicher, ob Andy nicht eines Tages plötzlich vor ihrer Tür stehen
würde.
Kann ich Kaufmanns Komik nicht viel abgewinnen, so habe ich doch einen
großen Respekt vor ihm. Denn in dieser Biographie wird hervorragend
dargestellt, wie er seine Zuschauern manipulierte, mit ihnen spielte und -
ganz krass ausgedrückt - sie verarschte. Präsentier dem Publikum etwas und
sag das es komisch ist - es wird lachen, auch wenn das Gebotene noch so
schwachsinnig ist. Als bestes Beispiel will ich Kaufmanns ersten Auftritt
vor einem großen Publikum anführen. Das Publikum hat getobt und sind wir uns
ehrlich liebe Kinobesucher: Auch wir haben herzlich gelacht und uns von
Kaufmann manipulieren lassen. Was hat er also getan bei seinem Auftritt?
Kurz gesagt: Gar nichts. Er stand auf der Bühne und machte gezählte zwei
Bewegungen und bewegte die Lippen zu einem auf Plattenspieler ablaufenden
Lied.
Andy Kaufmann war genial - grenzgenial sogar. Doch leider teilt er mit
vielen anderen, welche als grenzgenial beurteit werden, ein Schicksal --> Er
hatte einen gehörigen Dachschaden. Er wusste nie wann es genug ist und fand
es nicht der Mühe wert dem Publikum mitzuteilen, dass sein Gehabe nur Show
war und er eigentlich ein recht netter Kerl war.
Ironie des Schicksals: Verarschte Kaufmann Zeit seines Lebens Millionen von
Menschen, so musste er kurz vor seinem Tod feststellen, dass auch er
verarscht wurde. Es wurde zwar im Film nicht gezeigt, aber ich denke mal, er
hat sich über diese Pikanterie köstlich amüsiert.
Nur eines kann ich persönlich Kaufmann nicht verzeihen: Er bezeichnete
Sitcoms als niedrigste Form der Unterhaltung. Für einen echten Sitcom-Fan
wie mich wirkt das wie ein Schlag ins Gesicht.
Jim Carrey bot also wie gesagt eine fabelhafte Leistung. Das er nicht einmal
für den Oscar nominiert wurde, darf ruhig als amerikanische Schande in die
Geschichte eingehen. Er spielt in diesem Film sozusagen eine Doppelrolle,
denn auch den Charakter des Tony Clifton miemte er. Diese Rolle war
eigentlich weniger witzig, passte aber voll und ganz zu Andy Kaufmann.
Ebenfalls grandios wie schon lange nicht mehr spielte Danny de Vito, der
endlich wieder einmal in einem Welterfolg mitspielt. Als warmherziger
Manager, der Andy ganz groß rausbringen will doch immer wieder an dessen
Unberechenbarkeit verzweifelt, kann er sich in die Herzen der Zuschauer
spielen und neben Carrey für einen echten schauspielerischen Höhepunkt
sorgen.
Total verblüfft war ich von Courtney Love, dem dritten bekannten Namen im
Bunde. Sie wirkte in diesem Film so brav und bieder, sodass ich erst im
Abspann lesen konnte, wer sie denn nun wirklich war. Sie spielte das Mädchen
vom Lande, welches sich mir unverständlicherweise in Kaufmann verliebte und
ihn ehelichte. Ihr Gesichtsausdruck, als Andy ihr mitteilt, dass er an Krebs
erkrankt sei, ist ein wahrer Highlight in diesem Film.
Fazit: "Man on the Moon" ist eine perfekte Biographie über einen großen
Künstler, den man wohl erst zu schätzen weiß, wenn man diesen Film gesehen
hat. Wenn man sich als Kinobesucher von ihm einwickeln lässt, so ist dieser
Film ein Juwel. Wer hier bis zum Ende des Abspanns sitzenbleibt, darf sich
ebenfalls als von Kaufmann manipuliert wissen. Den Zuschauern, welche
bereits nach fünf Minuten wieder den Saal verlassen ( ;-) ), entgeht also
ein wirklich toller Film.
Persönliche Bewertung des Films: 10/10.
Grüße,
Claus
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