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Kritik: 28 Tage
- Subject: Kritik: 28 Tage
- From: Thomas Schlömer [FS] <thomas.schloemer@filmspiegel.de>
- Date: 13 May 2000 09:32:32 GMT
- Approved: tln@zedat.fu-berlin.de (drfk-mod)
- Expires: Tue, 13 Jun 2000 00:00:00 GMT
- Followup-to: de.rec.film.misc
- Keywords: schloemer 61/1035 f000714
- Newsgroups: de.rec.film.kritiken
- Organization: None
- Sender: tln@zedat.fu-berlin.de (Thorsten L Nicolai)
- Xref: nr-do2.de.uu.net de.rec.film.kritiken:1065
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28 Tage
"Damit hast du dich mental aus dem Spiel gekickt"
Inhalt
Gwen Cummings (Sandra Bullock) ist Schriftstellerin, aber in erster Linie
eines: betrunken. Als sie nicht nur die Hochzeit ihrer Schwester versaut,
sondern auch noch mit einem Auto in einem Vorgarten landet, hat sie die
Wahl, entweder ins Gefängnis zu gehen oder eine Entziehungskur zu machen.
Sie entscheided sich für das Letztere, fühlt sich von der Institution zuerst
angewiedert und von den Mitpatienten ausgestoßen. Doch bald entdeckt sie
nach und nach, dass das Leben auch in alkoholfreien Zustand seinen Reiz hat.
Meinung Flemming (fs) 5/10
Kurzkommentar
Regiereaktionärin Betty Thomas ("Doctor Dolittle") bringt ein drogen- wie
völlig inspirationsfreies Moralkino der plumpesten Art. Der allein der
Wiederherstellung Sandra Bullocks zum A-Riegenstar dienende Schablonenfilm
ist weder witzig noch dramatisch bewegend, aber wegen einer ansehnlichen
Leistung der beweihräucherten Zentralfigur gerade noch gerettet.
Kritik
Die Frage nach zukräftigem Starkino wird in Hollywood nach vorhersehbaren
Schablonen beantwortet. Man nehme also eine Regisseurin, in diesem Fall
Betty Thomas, bisher allenfalls durch den in den USA erfolgreichen "Doctor
Dolittle" aufgefallen, eine abgeschmackte Geschichte von Verfall und
Wiederauferstehung sowie eine junge Schauspielerin, die, obgleich jung, ihre
erfolgreichste Zeit schon hinter sich zu haben scheint. Letzteres ist
schade, denn Sandra Bullock hat tatsächlich nicht nur Charme, sondern auch,
man traut es sich kaum zu sagen, Talent.
Da nun parabelartige Säufer- und Rehabilitationschroniken (vom
drogenverseuchten Wrack zur geläuterten Seele) dem jeweiligen Darsteller ein
breites Spektrum seiner Schauspielkunst abverlangen können, sind sie
gefragt. Sie fordern aber auch zumindest den Mut zur Hässlichkeit, sich also
in einem richtig verschlampten Zustand zu inszenieren. Die Bullock tut es,
sieht dabei aber immer noch zu gut aus, um völlig glaubwürdig zu sein.
Trotzdem sollte der Film seinem Zweck Genüge tragen, Sandra Bullock nämlich
als gefragten Star der A-Riege wieder einzusetzen und für größere Projekte
attraktiv zu machen. Nachdem sie in der Folge von "Speed" einen
kometenhaften Aufstieg erlebte, wurde es durch halbherzige Produktionen bald
wieder ruhig um sie. Im letzten Jahr fiel Bullock mit dem belanglosen "Auf
die stürmische Art" kaum mehr auf und versank zusehends im Schatten der
omnipräsenten Julia Roberts. Diese verkauft sich nicht nennenswert besser,
hatte jedoch das Glück (oder den richtigen Riecher), in halbwegs
espritvollen Filmen den Mittelpunkt auszumachen.
"28 Tage" ist unbedeutend, aber als das, was er ist und sein möchte,
funktioniert er mittelprächtig bis gut: uninspiriertes, reines Starkino, in
dem neben der beweihräucherten Hauptdarstellerin alles andere
pappmascheeartig um das Zentrum gruppiert ist. Der Fehler ist also beim
Drehbuch und dessen schockierend "neuer" Anti-Suchtmittel-Moral zu suchen,
die dem ernüchterten Zuschauer selten plump und reaktionär an den Kopf
geworfen wird. Vielleicht hätte Drehbuchautorin Susanna Grant lieber ein
Paar Pillen einwerfen sollen, um, so die These Wolfgangs bezüglich "Being
John Malkovichs", ein hermeneutikbefreites, aber phantastisch überbordendes
Script hervorzubringen. Und das gerade, weil auch "28 Tage" das Klischee
untermauert, Schriftsteller müssen erst das Stadium der Dichte erreichen,
bevor Kreativität einsetzt. Da fährt man lieber konsequent die konträre
Schiene ohne Eingebung und nüchtern entzieht man sich nicht nur der Drogen,
sondern auch Dramatik und Komik.
Im Versuch, das ernste Thema leicht zu ironisieren scheitert man ebenso
souverän, wie im dramatischen Zuschnitt. Jeder wesentliche Moment wirkt
konstruiert und affektiert, die Dialoge sind zudem fürchterlich formelhaft.
Zwar hätte die Suchtanstalt Anlass für Psychologisierung geboten, aber
platt-vordergründig und stereotyp erscheinen nicht nur die Nebendarsteller
(auch Steve Buscemi geht kläglich unter), sondern neben dem Plot auch der
Charakter der versoffenen Literatin.
Aber wie angedeutet: Trotz des Drehbuchdeliriums schlägt sich die Bullock
wacker, wird den Anforderungen der allein auf sie zugeschnittenden
Aufführung gerecht und kann durch situativ angemessenes, manchmal sogar
differenziertes Spiel den Streifen zwar nicht in den grünen Bereich retten,
trägt ihn durch den Pluspunkt ihres Charmes aber gerade noch. Ein
nachvollziebarer Selbstfindungsprozess ist nicht jedoch nicht auszumachen.
Resümierend sollte dieser Moralkeulen-Film dem Erinnerungsloch nach einem
Vollsuch anheim gegeben werden, für Sandra Bullock hingegen ist es
wünschenswert, dass sie sich in Zukunft mit besseren Drehbüchern vertraut
macht.
Fazit
Plattes Gesinnungs- und Starvehikel für charmante Hauptdarstellerin
28 Tage
Originaltitel 28 Days
Starttermin 04.05.2000
Genre Komödie/Drama
Daten USA 2000, 106 Min., FSK 6
Regie Betty Thomas
Drehbuch / Vorlage Susannah Grant
Darsteller Sandra Bullock, Viggo Mortensen, Dominic West, Elisabeth Perkins
Trailer auf offizieller Homepage