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Kritik: Being John Malkovich
- Subject: Kritik: Being John Malkovich
- From: Thomas Schlömer [FS] <thomas.schloemer@filmspiegel.de>
- Date: 13 May 2000 09:32:29 GMT
- Approved: tln@zedat.fu-berlin.de (drfk-mod)
- Expires: Tue, 13 Jun 2000 00:00:00 GMT
- Followup-to: de.rec.film.misc
- Keywords: schloemer 59/1033 f016084
- Newsgroups: de.rec.film.kritiken
- Organization: None
- Sender: tln@zedat.fu-berlin.de (Thorsten L Nicolai)
- Xref: nr-do2.de.uu.net de.rec.film.kritiken:1063
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Being John Malkovich
"Ich war in ihm und guckte raus!"
Inhalt
Ein Tunnel der ganz besonderen Art wird zur Attraktion eines New Yorker
Wolkenkratzers. Entdeckt hat ihn der kleine Angestellte und ehemalige
Puppenspieler Craig Schwartz (John Cusack), der zufällig herausfindet, dass
das Loch, das er hinter seinem Aktenschrank entdeck hat, 15 Minuten lang
eine völlig neue Sicht auf die Welt bietet. Wer einmal in den Tunnel
hineingesogen wurde, kann sehen und fühlen, was John Malkovich erlebt und
empfindet. Craigs Frau, die Tierliebhaberin Lotte (Cameron Diaz) und seine
Kollegin Maxine (Catherin Keener) erleben eine Vereinigung der besonderen
Art. Bald schlagen sie aus dem "ride" Kapital, bis Malkovich
höchstpersönlich zum Rutschen vorbeikommt.
Übersicht
David: Teils philosophisch, teils zum Brüllen komisch, und gegen Ende
hochgradig bizarr - Ein Meisterwerk! 9/10
Wolfgang: Wirrer, streckenweiser genialer Drogentrip 7/10
Flemming: Zutiefst durchgeknalltes, fast geniales Identitätstheater 8/10
Meinung David (dh) 9/10
Kurzkommentar
Regisseur Jonze und Drehbuchautor Kaufman liefern mit "Being John Malkovich"
einen äußerst vielschichtigen Genremix ab, dessen Darstellung kaum hätte
bizarrer sein können. Die drei Hauptdarsteller Keener, Diaz und Cusack
(Malkovich spielt eigentlich nur eine Nebenrolle) bringen ihre
stereotypischen Charaktere sehr überzeugend auf die Leinwand.
Kritik
Haben Sie "American Beauty" gesehen? Der Trailer versprach ein Drama, dass
einen gleichzeitig zum Nachdenken und zum Lachen bringt. Der komische Anteil
bei "American Beauty" war dann allerdings doch ein wenig enttäuschend. Zu
mehr als ein paar lustigen Szenen und einigen Schmunzlern hat es leider
nicht gereicht. "Being John Malkovich" schafft den Spagat zwischen wirklich
lustigen Szenen und einem sehr philosophischen Grundthema, er bietet sogar
noch mehr: nämlich eine vollkommen bizarre Dreiecksbeziehung, die in ihrer
Verzwicktheit jeden schnulzigen Liebesfilm in die Tasche steckt. Das alles
ist noch gemischt mit einer phantastischen Idee, die irgendwo zwischen
moderner Science Fiction, Tiefenpsychologie, Kafka und Alice im Wunderland
liegt.
Wie Flemming bereits erwähnte ist "Being John Malkovich" der Regieerstling
von Spike Jonze, der zusammen mit Chris Cunningham zu den wichtigsten und
innovativsten Video- und Werbeclipregisseure überhaupt zählt. Jonze war erst
kürzlich in seiner ersten richtigen Filmrolle in "Three Kings" zu sehen. Als
Produzenten holte er Michael Stipe mit an Bord, ein langjähriger Freund von
Jonze. Die beiden unterstützen gemeinsam die Aktion "Free Tibet", Jonze
drehte auch schon Videoclips für Stipes Band R.E.M.
Gespannt sein darf man auf die nächsten Werke von Drehbuchautor Charlie
Kaufman, für den "Being John Malkovich" das Debut darstellte. Den Oscar für
das beste Originaldrehbuch, den er Ende März erhielt, hat er sich wirklich
verdient. Die Handlung ist voll von Metaphern und Anspielungen und bietet
jede Menge Denk- und Diskussionsansätze. Jonze und Kaufman schaffen das
Kunststück ihren Film sehr dynamisch zu gestalten. Es kommt einem manchmal
vor, als würde man verschiedene Filme sehen, die zu einem perfekten Ganzen
zusammengeschnitten wurden. Besonders beeindruckend ist eine Szene gegen
Ende, eine Jagd durch Malkovichs Unterbewußtsein, bei der Jonze seine
langjährige Videocliperfahrung sichtlich zugute kommt.
Doch nicht nur die Leute hinter der Kamera haben ihre Hausaufgaben gemacht.
Cameron Diaz in ihrer hässlichsten, vielleicht aber auch besten Rolle. Sie
bringt ihre hochgradig verwirrte Figur, die sich auf einen
Selbstfindungstrip begiebt, sehr gut rüber, genauso wie die Distanz zu ihrem
Filmehemann, John Cusack. Dessen Rolle läßt sich als der größte Loser der
Filmgeschichte beschreiben. Ein heruntergekommener, vollkommen frustrierter
Tropf, für dessen einzige Fähigkeit, das virtuose Marionettenspiel, er nur
verhöhnt wird. Auch das dritte Bein der Dreiecksbeziehung, Catherine Keener,
spielt ihre Rolle souverän und schnörkellos. Die größten schauspielerischen
Anforderungen wurden aber eigentlich an John Malkovich gestellt, der
offensichtlich Spaß an seiner Rolle hatte.
Jonze scheint gut zu stehen mit Hollywoods unabhängigen Stars. Sean Penn und
Brad Pitt haben kurze Gastauftritte, Charlie Sheen ist sogar etwas länger zu
sehen und spielt ein wenig mit seinem Image. Der ganze Film ist sehr bemüht,
sich ein wenig von Hollywood zu entfernen. Der Handlungsablauf mitsamt dem
Ende würde es wohl nie nach Hollywood schaffen, mit seinen stets aufs Geld
und auf klassische Werte bedachten Filmproduzenten. Allein die sehr
beeindruckenden Marionettenszenen dürften viele anspruchslose Zuschauer
verschrecken. Die Charaktere, vor allem die Nebenrolle, sind einfach
herrlich bizarr und durchgedreht, ebenso die Handlung. Aus diesem Grund muss
ich allen Leuten, die leichte Unterhaltung suchen, von "Being John
Malkovich" abraten. Es ist sehr schwer, vergleichbare Filme zu finden.
"Being John Malkovich" ist ein sehr eigenständiges Kunstwerk, das kein
Filmfan verpassen sollte.
Fazit
Teils philosophisch, teils zum Brüllen komisch, und gegen Ende hochgradig
bizarr - Ein Meisterwerk!
Meinung Wolfgang (wr) 7/10
Kurzkommentar
Für mich wirkt "Being John Malkovich" wie der misslungene Versuch eines
Monty-Phyton-Films: Skurril, abgefahren, aber leider nicht lustig - und
philosophisch schon gleich gar nicht. Nichtsdestotrotz ein cineastisches
Muss!
Kritik
In etwas 5 Sätzen reissen die Hauptdarsteller das mehr oder weniger
philosophische Problem des Filmes, das irgendwie unbestimmbar um Identität
kreist, an. Und diese 5 Sätze werden wahrscheinlich auch nur verloren, weil
den Drehbuchschreibern für jene Autofahrt gerade nichts anderes einfiel. Wie
auch immer, der Film leistet kaum einen Beitrag zu seiner Entschlüsselung,
der Zuschauer sieht sich - sofern er den Film denn ernst nimmt- einem
enormen hermenuetischen Problem gegenüber. Doch genau da scheint mir der
Haken des Ganzen zu liegen: Während Regisseure wie Lynch, Cronenberg oder
Scorsese immer mit dem latenten Anspruch des philosophischen Werkes drehen,
habe ich bei "Being John Malkovich" das Gefühl, dass der Regisseur einen
nicht unbeträchtlichen Teil der Drehzeit unter Drogen stand. Und wer jüngste
Interviews mit Spike Jonze gelesen hat, dem wird dieser Verdacht nicht
sonderlich weit hergeholt scheinen. Während sich andere wortreich über ihre
Filme auslassen oder sich ihn nebulöse Andeutungen hüllen, oder gar -wie
etwa Kubrick- in eine mystische Aura hüllen, hat Jonze in seinen Interviews
eigentlich nichts Wesentliches zu sagen.
Meine These: Jonze und alle anderen Verantwortlichen saßen eines Abends bei
einem Joint zusammen, als ihnen die Idee für diesen Film kam. Und: Jeder
versuchte den jeweils anderen mit noch abgefahreneren Ideen zu übertreffen.
Schliesslich bastelte man daraus ein Drehbuch, und weil dieses im Vergleich
mit anderen Hollywood-Fliessband-Werken tatsächlich enorm innovativ,
unerhört, nie dagewesen und genial erschien, hat sich die Firma, die für
solche Filme zuständig ist, Miramax, auch bereit erklärt, den Film zu
drehen.
Man verstehe mich nicht falsch: Verschiedene Elemente des Filmes sind
tatsächlich grossartig und genial: Allein die Idee des 7 1/2. Stockwerks ist
einen Oscar wert, und die der Tür in Malkovichs Hirn auch. Allerdings: Wer
sich hier hermeneutischen Exzessen hingibt, verschwendet seine Zeit. Jonze
hatte keine tiefere Aussage im Sinn, er wollte einfach einen abgefahrenen
Film machen.
Stellenweise erinnerte mich "Being John Malkovich" stark an Monty Phyton -
mit dem Unterschied, das Monty-Phyton-Filme -zumindest in den Augen ihrer
Fans- zum Brüllen Komisch sind. "Being John Malkovich" ist das selten. Nun
ist das allein kein Verbrechen, aber bei Lichte besehen bleibt so ein Film
mit vielen sehr schrägen Ideen, die aber (meiner These zufolge) weder lustig
noch von Bedeutung sind. Da helfen dann auch wunderbare Schauspieler wie
John Cusack nicht mehr, das ist einfach zu wenig für ein echtes Meisterwerk.
Aber dennoch: Alle, die sich auch nur ein bisschen für Film interessieren,
müssen diesen Film gesehen haben. Trotz seiner Mängel ist er einfach zu gut!
Fazit
Wirrer, streckenweiser genialer Drogentrip
Meinung Flemming (fs) 8/10
Kurzkommentar
Selten war ein Film verrückter. Videoregisseur Spike Jonze lässt in seinem
ersten Film gleich wie psychopathisch die Puppen tanzen, was absolut surreal
und absolut witzig ist. Die geniale Idee ist die erfrischende Größe der
Groteske, aber leider werden die Fäden des Illusionstheaters gegen Ende
etwas schwächer gezogen, da der Wahnwitz bodenständig wird.
Kritik
Durch die metaphernbeladene Tür in einen Kopf und in die Identität eines
anderen. Schizophrenie, Debilität, abgefahrene Identitätssuche,
seinsphilosophischer Ansatz und anspruchslos-infernalische Phantasie -
"Being John Malkovich" vereint alles, ist alles und doch wieder auch nichts.
Der drehbucherfahrene Hauptdarsteller John Cusack kommentiert die
aberwitzige Idee mit einer passenden Analogie: "Der Film ist wie ein Gemälde
von Escher. Er hat Türen und Treppen, die in einen selbst hineinführen. Das
ganze Projekt ist völlig wild und abgefahren". Nichts anderes ist es,
nämlich eine hermeneutische Unmöglichkeit. Spike Jonze, der bisher
Musikvideos drehte, stößt in seinem ersten abendfüllenden Spielfilm viele
Türen auf, die, genau wie bei Escher, ins Surreale, in die Aufhebung von
Oben und Unten, in eine befremdend kolorierte Realität ohne feste
Bezugspunkte führen.
Doch nicht nur Jonze, auch sein Drehbuchautor Charlie Kaufman liefert sein
Debüt. Und um originell Fuß fassen zu können, dachte sich das unbeschriebene
Duo, muss was Sonderbares, was vorher nie Dagewesenes her. Wieso also nicht
wie Gott die Puppen tanzen lassen und den den Menschen immanenten Drang nach
Voyeurismus "sehen, ohne gesehen zu werden" in "spüren, ohne gespürt zu
werden" pathologisch übersteigern? Man sieht das Intime des Anderen nicht
nur ohne sein Wissen, sondern spürt und erlebt "die" Realität durch sein
Bewusstsein. Allein für die Idee, ungeachtet der Schwächen der Realisation,
hätte es Preise hageln müssen. Dem Affen seiner Frau gegenüber nennt Craig
Schwartz das menschliche Bewusstsein einen "furchtbaren Fluch". Ist es der
größte Wunsch, den Käfig des eigenen Denkens zu verlassen, um nur für einen
Moment aus der Warte eines anderen Ichs das eigene besser verorten zu
können? Die Frage nach der adäquaten Umsetzung dieses introspektiven
Mindtrips ist in der beinahe kafkaesken Türphantasie brilliant umgesetzt.
Sie ist der Höhepunkt der traumhaften Begebenheiten im 7 1/2. Stockwerk.
Dass die seinsbeeinflussende Minipforte ausgerechnet in den Kopf eines
Schauspielers führt, der im Gegensatz zum Puppenspieler keine Puppen führt,
sondern selbst darstellt, ist nur ein weiterer ideenreicher Aspekt. Als er
selbst durch die Tür kriecht und das Paradoxon wahr macht, sich selbst durch
sich selbst zu beobachten, wird deutlich, dass auch er nur von Idenität zu
Identität springt. Und nein, es hätte nicht John Malkovich sein müssen.
Schätzungsweise verehrt Regisseur Jonze Malkovich, wie im Film selbst
geäußert, als einer der "größten amerikanischen Schauspieler des
Jahrhunderts", aber prinzipiell hätte es jeder andere von Rang sein können.
Zudem ist es eine eventuelle Schwäche des Films, dass das zahlende Klientel
zwar in Malkovichs Kopf rutscht, uns aber vorenthalten bleibt, was nach dem
"Ausfahren" denn so besonders läuternd war. Aber bitte keine Logik, dieser
Irrsinn soll Spaß machen, und das tut er.
John Cusack mimt den verlotterten Fadenzieher sichtlich entspannt, Cameron
Diaz überzeugt als vogelscheuchenähnlicher Identitätskrüppel, der dank der
Tür zu seiner wirklichen Geschlechtlichkeit zu finden meint. Malkovich
agiert hingegen as usual, kann aber in den schizophrenen Momenten glänzen.
Die abgefahrene Situationen legen ein überwiegend hohes Tempo vor, das aus
dem psychopathischen Illusionstheater einen bemerkenswert leichfüßigen Film
macht. Natürlich wird die Phantasie nicht ernst genommen, aber als
staunendes Spiel mit der Annahme, dass nichts ist, wie man denkt, dass es
ist, animiert es zum Weiterspinnen.
Insgesamt also ein Film, dessen augenzwinkernd existenzzerüttende Idee
kongenial umgesetzt wurde? Nicht ganz. Zwar haucht Craig später nicht nur
seinen Marionetten kontrolliertes Leben ein, aber die abgefahrene Spirale
hätte ruhig noch weiter gedreht werden können. Stattdessen gibt Jonze die
Fäden gegen Schluss leider etwas aus der Hand, wenn er sich zu sehr auf die
außergewöhnliche Dreiecksgeschichte konzentriert. Im Gegenteil hätte mit
absurder Phantasie immer weiter nachgelegt werden müssen, denn irgendwann
wird auch die unwirklichste Tür zur Routine.
Trotzdem bleibt das, was wir mit Jonze hinter ihr finden, wie ein guter
Traum: bedeutungsschwanger, sinnlos und ein allegorisch-verrückter Kontrast
zum "wachen", manchmal in seiner festen Begrifflichkeit rutschenden
Bewusstsein.
Fazit
Zutiefst durchgeknalltes, fast geniales Identitätstheater
Being John Malkovich
Originaltitel Being John Malkovich
Starttermin 04.05.2000
Genre Komödie
Daten USA 1999, 112 Min., FSK 12
Regie Spike Jonze
Drehbuch / Vorlage Charlie Kaufman
Darsteller John Cusack, Cameron Diaz, Katherine Keener, John Malkovich u.a.
Trailer auf offizieller Homepage