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Kritik: Bringing out the Dead



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Bringing out the Dead - Nächte der Erinnerung

"...und wieso verleugnen, dass man für diesen einzigen Moment Gott war?"


Inhalt
Der New Yorker Rettungssanitäter Frank Pierce (Nicholas Cage) droht unter
den Anforderungen seines Jobs zu zerbrechen. Die psychologische
Belastungsprobe steht jedoch bevor, als die Geister der Toten ihn in seinen
Träumen heimsuchen. Aufgezehrt von dem Leid, mit dem er täglich konfroniert
wird, trifft Frank auf Mary (Patricia Arquette), deren Vater er als
Komapatienten in die Notaufnahme bringt. Mary hat ihre eigenen Sorgen, ihre
Drogenvergangenheit, die sie einholt - doch Frank sieht auch die Wärme und
Menschlichkeit in ihr und er klammert sich daran, in der Hoffnung, sie und
sich selbst zu retten.


Meinung Flemming (fs) 7/10

Kurzkommentar
Martin Scorseses ("Taxi Driver") drastisch gezeichneter Alptraumodyssee
eines zu zerbrechen drohenden Rettungssanitäters mangelt es an äußerer
Handlung. Die Psychologie der Personen hätte zudem besser ausgelotet werden
können, aber insgesamt entwickelt sich ein realistisches und darum
schwerverdauliches Drama ohne Chance auf Läuterung.

Kritik
Ohne Martin Scorsese würde der Filmgeschichte ein wesentlicherr ein
provokanter wie inspirierender Baustein fehlen. Sein letztes Werk, das
religiöse Portrait "Kundun" unterschied sich frappierend vom
richtungsweisenden und explosiven "Taxi Driver", den Scorsese vor einem
Vierteljahrhundert schuf. In dessen Mittelpunkt steht Travis Bickle (Robert
DeNiro), ein Mann, der in Anlehnung an alte, "kafkaeske" Motive von der den
Menschen zerreibenden Umwelt isoliert und deformiert wird. Er endet als
zorngetriebender Soziopath. Seine Hilflosigkeit mündet nicht tatenloser
Ohnmacht, sondern in der drastischen Entladung von Gewalt, die
paradoxerweise wiederum zur Anerkennung durch die Gesellschaft führt.
Jetzt kehrt Scorsese, der in seinem Oeuvre auch stehts eine Widmung an die
Filmgeschichte sieht, zurück an den Schauplatz des Hexenkessels der
Großstadt. Die Analogien machen unübersehbar, dass "Bringing out the Dead"
von "Taxi Driver" inspiriert worden ist und prinzipiell dessen Gegenentwurf
darstellt, ohne jedoch in simpler Rezitation zu verharren. Es scheint denn
vielmehr eine Fortschreibung und Variation der zeitlosen Thematik zu sein.
In den Zentren beider Filme stehen seelisch ausgebrannte und atemlose
"Helden" und die Hoffnung auf individuelle Erlösung. Aber in den seit "Taxi
Driver" verstrichenen 25 Jahren hat Travis Blickle seine pervertierte Gewalt
fallen lassen und ist zu Frank Pierce (Nicholas Cage) geworden, der
Absolution und Hoffnung für seine zerrissene Seele im Beruf des
Rettungssanitäters sieht. Bickle tötet, Pierce rettet. Hier wie dort geht es
auch um Wahnsinn und stumme Verzweifelung, die Frank Pierce in der
Überantwortung seines Lebens an einen extremen Beruf zu ersticken sucht. Für
den Film, der auf einem autobiographischem Bericht des wirklichen
Rettungssanitäters Joe Connelly fußt, arbeitete Scorsese zum ersten Mal seit
"Taxi Driver" wieder mit Paul Schrader zusammen, der somit für beiden Filme
das Drehbuch verfasste. Schon allein die Idee, die Geschichte eines rastlos
kämpfenden Rettungssanitäters zu erzählen, verdient Beachtung.

Aus "Bringing out the Dead" ist erwartungsgemäß ein wichtiger Film geworden.
Und auch die schockmäßige Umsetzung ist, ohne einen weit ausholenden Film
über die Essenz New Yorks zu drehen, bemerkenswert, wenn auch schwer
verdaulich. Die Stadt hat sich aus der Perspektive von Frank nur noch zu
einem ausweglosen Horrorszenario verzerrt und verengt. Er verkörpert jene
Sensibilität, die in einem nach Gefühlsabtötung und Stoizismus verlangenden
Beruf den Wahnsinn bedeutet. Ohne die geforderte Widerstandskraft bricht der
Schmerz in voller Wucht über Frank herein. Er scheint in die ihn die Welt
der Toten zu tief verstrickt, um ihr noch entkommen zu können. Dem
entspricht Scorseses Optik und Erzählrhytmik. Die Strapazen der unendlichen,
aufzehrenden Nachttrips spiegeln sich in surreal schnellen Kamerabewegungen
und unkonventionellen Perspektiven. Sie werden von ruhigen Sequenzen
unterbrochen, in denen die Kamera in Nicholas Cages paralysiert schmerzvolle
Augen förmlich hineingesogen wird. Neben seiner Weltschmerzgrimasse sind es
die blassen Farben und die kontrastierende, lebendige Popmusik, die
Scorseses verstörenden Film eine fast hypnotische Note verleihen. Wohl
treffend formuliert Franks gedankliche Stimme aus dem "Off", dass er,
trotzdem ihn Schuldgefühle am Tode einer jungen Frau plagen und er seit
Wochen niemanden mehr retten konnte, von dem Beruf zehrt wie von einer
Droge. Stetig vegetiert er in der Hoffnung auf den nächsten "Kick" durch ein
gerettetes Leben. Dann schwingt er sich für nur einen Moment in die
erhabene, unantastbare Position eines Gottes auf. Denn gottesähnlich kann er
Leben schenken, aber die Realität des Todes holt ihn zurück.

Ohnehin arbeitet Scorsese mit auffällig christlichen Motiven wie z.B. der
"Jungfrauengeburt". Seine Inszenierung lebt nicht nur von psychologisch
fesselnder Intensität, sondern auch von Rasanz und einem wohldosierten
Galgenhumor, der das bedrückende Gesamtbild aber nur bedingt entlastet.
Besonders eindringlich ist jene Szene gelungen, in der ein halb
aufgespießter Drogendealer sich der in den Nachthimmel sprühenden Funken der
Schweißgeräte, die ihn befreien, erfreut und herausbrüllt, dass er diese
Stadt liebe. Da Frank das Glück des Retters verlassen hat und er zum
"Leichensammler" verdammt scheint, der nur jene ins Leben zurückzuholen
versucht, die nicht wollen, findet er sein Verlangen auf Frieden schließlich
in legitimer Sterbehilfe. Er "lässt jemanden gehen", findet aber keine
Erlösung, sondern allenfalls Ruhe durch Erschöpfung. Nicholas Cage spielt
den paranoiden Rettungssanitäter mit souverän fragender Leidensmimik,
braucht aber sonst nicht viel zu leisten, da die beiläufige Handlung nicht
viel verlangt. Die unterstützenden Schauspieler von John Goodman über Ving
Rhames bis Tom Sizemore sind erstrangig und verkörpern Charaktere, die dem
alltäglichen Wahnsinn durch anscheinend funktionerende Abwehrmechanismen
begegnen.

So ist Scorseses alternativer Großstadthorror ein düsteres, eigentlich
katharsisloses Kaleidoskop der vielfach erfahrenen Ohnmacht und dem
Verlangen nach Menschlichkeit in einer Welt, die das Individuum erst
isoliert und dann zerstört. In der letzten Szene kommt der verbrauchte, fast
schon hüllenähnliche Frank keine dauerhaften Ausgleich, wohl aber einen
ersehnten Moment der menschlichen Nähe und Ruhe. Was unweigerlich folgt, ist
der Rückfall in den steten Alptraum. "Bringing out the Dead" hält trotz
einger Längen, was der Titel verspricht und zeigt einen faszinierend
aufwühlenden Horrortrip, der dennoch meditative Züge trägt.


Fazit
Eindringlicher Trip in eine befreiungslose, schmerzvolle Realität


Bringing out the Dead - Nächte der Erinnerung
Originaltitel Bringing out the Dead
Starttermin 04.05.2000
Genre Drama
Daten USA 1999, 118 Min., FSK 16
Regie Martin Scorsese
Drehbuch / Vorlage Paul Schrader / Joe Connelly
Darsteller Nicholas Cage, Patricia Arquette, John Goodman, Tom Sizemore
Trailer auf offizieller Homepage