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Kritik: Music of the Heart



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"It is definetly not cool to waste your talent"

Inhalt

EAST HARLEM, 1980: In einem der verrufensten und gewalttätigsten Viertel der
USA versucht Roberta Guaspari (Meryl Streep), Kindern die Schönheit des
Geigespielens näher zu bringen. Von Kollegen, Eltern und Kindern zunächst
skeptisch beäugt, entwickelt sich ihr sogenanntes East Harlem Violin Program
rasch zu einer wichtigen Institution, in der Schüler nicht nur das
Instrument, sondern noch etwas viel wichtigeres lernen: dass man im Leben
alle Träume verwirklichen kann, wenn man nur wirklich will.


Meinung Flemming (fs) 7/10

Kurzkommentar
Der "Horrormeister" auf neuen Pfaden, die hätten gruselig enden können. Aber
Wes Cravens Verbeugung vor der wahren Geschichte der Geigenlehrerin Roberta
Guaspari ist ein dezentes Melodram mit gesunder Sentimentalität und einer
unglaublichen Leistung von Meryl Streep. Trotz schwergängigem, schematischem
Plot geht Cravens mutiger Schritt stimmungsvoll aus.

Kritik
Regisseur Wes Craven ist schon ein Sonderfall. Denkt man an die
Entwicklungslinie des Kinohorrors, denkt man an Craven. 1982 machte er mit
dem "Ding aus dem Sumpf" auf sich aufmerksam, zwei Jahre später hob er mit
Freddy Krüger aus "A Nightmare on Elmstreet" nicht nur einen
augenzwinkernden Slasher, sondern auch eine der markantesten Horrorgestalten
der Zelluloidhistorie aus der Taufe. Mit seiner Kreatur Krüger wurde der
Hochschulabsolvent Craven (Philosophie, Psychologie und Creative Writing)
zur Kultfigur und zum Synonym für den intelligent-ironischen Schocker. Was
er mit "A Nightmare on Elmstreet" leistete, konnte er 1996 mit dem weltweit
erfolgreichen "Scream" wiederholen: Die Neuerfindung des Teenie-Horrors.
Spaß, Lebensangst und Schrecken waren wieder vereint. So wurde der Name
Craven endgültig zum Markenbegriff. Es folgte natürlich die nicht minder
publikumsträchtige Fortsetzung und Ende Juni dieses Jahres "Scream 3", der
vielen jedoch signalisierte, dass der Bogen endgültig überspannt sei. Vorher
überrascht er aber zumindest hierzulande (chronologisch ist "Scream 3" sein
neuester Film) die Fans und jene, die ihm Vorstellungsarmut und ewige
Reproduktion vorwerfen.
Mit "Music of the heart" - der Titel klingt so schmalzig wie Violinenklänge
schön - verlässt Craven sein Terrain, bläst zur empfindsamen Gegenoffensive
und wirft sich mutig in ein Genre, in dem tränengefüllte Taschentuchberge,
aber bestimmt keine blutigen Schlitzer zu finden sind. Das hätte verdammt
schmerzvoll enden können, aber Craven packt den trotzigen Beweisantritt,
dass sein Oeuvre mehr hergibt, als "nur" hippe Buh-Effekte. Das Presseheft
spricht von einer "sehr persönlichen Facette" seines Schaffens, der
kritische Beobachter hingegen von einem publicityträchtigen Schachzug und
gediegenem Gefühlsfetzen. Und da die Vergangenheit auch immer Motor
gegenwärtiger Kräfte ist, ist der Stoff von Cravens Film genau das, was
schon die hochmittelalterliche Literatur sein musste, um Interesse zu
erregen: "wahr". Fiktives Kino scheint nicht mehr zu bewegen, die "Straight
Stories", die wahren und wahrhaftigen Geschichten müssen her, eben die des
Lebens.

Das ist dann nicht nur glaubwürdig, es geht auch so befreiend ans Herz, wenn
die Leinwand die Gefühlswucht des "authentischen" Lebens dramaturgisch
ausschmückt. Das Leben der willensstarken Geigenlehrerin, die Kraft der
Musik visionslosen Jugendlichen eines armen Viertels Hoffnung und Erfüllung
spendet, ist wirklich fast zu kitschig, um wahr zu sein. Es wurde schon 1995
von Alan Miller im oscarnominierten "Fiddlefest" eigentlich erschöpfend
abgehandelt. Cravens Zueignung gelingt im wesentlichen aber aufgrund dreier
Aspekte: durch das altbackene, aber effektiv umgesetzte Strickmuster, durch
salbungsvollen Musikeinsatz und Meryl Streeps begnadete Darstellung.
Wirklich alles gruppiert sich um sie, die den Film nicht nur allein mühelos
trägt und verdienterweise ihre zwölfte Oscarnominierung einheimste. Streep
verleiht ihrer Rolle sogar so viel Willensstärke und Vitalität, dass man den
zähen Plot, Klischees und moralischen Kitsch gern übersieht.

Craven tat gut daran, auf eine außergewöhnliche Leistung von Streep zu
hoffen. Der erste Eindruck, sie spiele eine pathetische Heulsuse, täuscht.
Ohne Streep wäre der Film trotz der schönen Violinenmusik nichts. Doch auch
die Regie weist nicht nur Innovationsfreiheit, sondern auch einen wirklichen
Vorteil auf: statt schnulzig dick aufzutragen, lebt sie von leisen Tönen.
Craven erzählt seine Geschichte aus angemessener Distanz, tastet eher im
Stoff und beweist dadurch seine souveräne Beherrschung. Sicher, die
Geschichte einer sich gegen innere und äußere Hürden emanzipierenden
Lehrerin ist alles andere als neu, aber viele Genrefilme gibt es eben nicht.
Außerdem ist die Sentimentalität von "Music of the Heart" eine wirklich
gesunde. Fließen Tränen, ist es schön. Stören können da allenfalls
stereotype Geschmacklosigkeiten wie die Skepsis der schwarzen Bewohner
gegenüber der "Musik des bösen weißen Mannes". Ist sie verflogen, hofft und
weiß man, dass Roberta Guaspari als menschliche Heroin die ehrwürdige
Carnegie-Hall erobern wird. Bemerkenswert sind noch die Nebendarsteller,
besonders Angela Basset als stählern nachdrückliche Schulleiterin glänzt,
hat aber insgesamt zu wenig Szenen. Das Kinodebut von Sängerin Gloria
Estefan stört nicht, fällt aber auch nicht auf. So ist Cravens
Neulandbetretung und Referenz an die Taschentuchfraktion solides,
zurückhaltendes, zuweilen wundervolles Gefühlskino mit einer ausgezeichneten
Meryl Streep. Will Craven in Zukunft nicht nur im Horrorgenre bestehen, muss
er vom Althergebrachen allerdings absehen. Doch "Scream 4" kommt bestimmt.



Fazit
Dank herausragender Hauptdarstellerin ansehnlicher Tränenzieher alter
Machart


Music of the heart
Starttermin 08.06.2000
Genre Drama
Daten USA 1999, 134 Min., FSK 6
Regie Wes Craven
Drehbuch / Vorlage Pamela Gray
Darsteller Meryl Streep, Angela Basset, Gloria Estefan, Aidan Quinn
Trailer auf offizieller Homepage