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Kritik: Turbulenzen und andere Katastrophen
- Subject: Kritik: Turbulenzen und andere Katastrophen
- From: Thomas Schlömer [FS] <thomas.schloemer@filmspiegel.de>
- Date: 9 Jun 2000 06:58:45 GMT
- Approved: tln@zedat.fu-berlin.de (drfk-mod)
- Expires: Mon, 10 Jul 2000 00:00:00 GMT
- Followup-to: de.rec.film.misc
- Keywords: schloemer 73/1072 f141580
- Newsgroups: de.rec.film.kritiken
- Organization: None
- Sender: tln@zedat.fu-berlin.de (Thorsten L Nicolai)
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Turbulenzen und andere Katastrophen
"Delta-Four-Seven-Three-Eight-Heading-West-Descent-
To-Three-Thousand-Feet-Herzlich-willkommen-auf-meinem-Schirm."
Inhalt
Es gibt ruhige Jobs, die man auf der linken Gesäßhälfte absitzen kann und
sich abends noch als perfekter Eheman seiner Familie widmen kann und es gibt
absolut stressige Jobs, bei denen man froh sein kann, wenn man nicht zu
einem zitternden Nervenbündel wird. Nick Falzone (John Cusack) hat sich
einen Arbeitsplatz der letzteren Kategorie ausgesucht und sitzt in Tag- und
Nachtschichten vor den Radargeräten einer Flugleitstelle in New York, um die
an- und abfliegenden Flugzeuge mit einem halben Dutzend Kollegen ordentlich
durch den dichten Luftraum über dem Big Apple zu lotsen. Bis zu dem Tag an
dem Russell Bell (Billy Bob Thornton) auftaucht und Nick seinen Platz als
bester und sicherster Lotse der Leitstelle streitig macht ...
Übersicht
Andreas: Psychostudie im Fluglotsenmilieu mit glaubwürdigen Charakteren
7/10
Wolfgang: Nur teilweise erfolgreiche Studie über Kontrollwahn 7/10
Meinung Andreas (ae) 7/10
Kurzkommentar
Eine wirklich interessant erzählte Geschichte, die von zwei soliden
Schauspielern getragen wird, aber wahrscheinlich im Kino keine große
Aufmerksamkeit erzielen wird. Für eine Komödie - und als solche preist das
Filmplakat den Streifen an - sind dem "gemeinen" Kinogänger nicht genug
Zoten drin und zu guter Letzt muß man ja sogar den ganzen Film auf Action
warten.
Kritik
Den Trailer zu "Pushing Tin" (die Lotsen sprechen davon, einfach nur Blech
durch die Luft zu schieben) hatte ich schon mal gesehen - glaube ich. Naja,
ich konnte jedenfalls unvoreingenommen und ohne Erwartungen an den ersten
Teil der Sneak Preview herangehen. Wahrscheinlich war das gut so, denn so
richtig kommt der Film zunächst nicht damit rüber, was er eigentlich will.
Wir sehen wie Nick seinen Job erledigt, mit seinen Kollegen essen geht und
nebenbei auch noch eine Frau und ein Kind hat ... seine Familie wird aber
eher "nur so nebenbei" mitversorgt. Er hat einfach den Kopf mit der Arbeit
voll. Und John Cusack gelingt es wirklich gut, das auch so zu verkörpern.
Denn ohne daß die Geschichte anfangs Spannungselemente hat, ist man als
Zuschauer keinen Augenblick gelangweilt.
Spätestens als Russell Bell am Arbeitsplatz auftaucht und mit seiner
stoischen Ruhe und fast schon Unnahbarkeit ein wenig Unruhe in den
bisherigen Kreis der sehr eng befreundeten Fluglotsen bringt, beginnt auch
die Geschichte an Fahrt zuzulegen - wir sind jedoch immer noch nur im 2.
Gang und um es vorwegzunehmen, es wird auch nicht höher geschaltet. Der
Auftritt Russells junger, hübscher und aufreizender Frau Mary Bell (Angelina
Jolie) bringt dann jedoch noch etwas mehr Zündstoff und die Gefühle Nicks
zum Kochen.
Sehr schön, wie Cusack den langsam durchdrehenden Ehemann gibt, immer
paranoider wird und sich einen Sündenbock für seine Verfehlungen sucht,
dabei aber gleichzeitig immer den Moralapostel hochhält.
Eine richtige Komödie ist "Turbulenzen und andere Katastrophen" nicht
geworden, sollte es wohl auch nicht werden. Natürlich sind lustige Elemente
zu finden, aber es geht doch eher in Richting Tragikomödie. Zu oft fragt man
sich, ob nicht das ein oder andere Mal die eigenen Handlungen und Gedanken
(... niemals selbst schuld sein ...) ähnlich derer Nicks gewesen sind und
spätestens dann bleibt das Lachen im Halse stecken.
Danke, daß dieser Film in der Sneak gezeigt wurde. Ich wäre wahrscheinlich
"normal" auch nicht reingegangen.
Fazit
Psychostudie im Fluglotsenmilieu mit glaubwürdigen Charakteren
Meinung Wolfgang (wr) 7/10
Kurzkommentar
Worum es in diesem Film gehen soll, wusste wahrscheinlich niemand so genau.
Herausgekommen ist dann eine seltsame Mischung aus Fluglotsen-Action,
Beziehungsdrama und Charakterstudie, die stellenweise interessant über
Kontrollwahn sinniert. So richtig abheben will der Film allerdings nicht.
Kritik
John Cusack war schon immer einer meiner Lieblingsschauspieler, obwohl man
ihn erst in letzter Zeit verstärkt im Kino sieht (Being John Malkovich,
Turbulenzen und andere Katastrophen, High Fidelity). Und die gute Rollenwahl
Cusacks verhalf bisher jedem seiner Filme zu mindestens einer grossen
Stärke: Seiner Rolle.
Für "Turbulenzen und andere Katastrophen" gilt das leider nicht so richtig,
die Rolle des Fluglotsen Nick Falzone spielt er gekonnt gut, aber leider
gibt die Figur an sich nicht so besonders viel her.
Gälte es, das Thema des Films zu formulieren, so wäre "Kontrollwahn" der mir
am besten zu passen scheinende Begriff. Was die Geschichten über den harten
Job der Fluglotsen, die Beziehungskiste und die verschiedenen Charaktere
verbindet, ist ihre Einstellung zum Leben, die auf Seiten Falzones eben von
ausgeprägtem Kontrollwahn gekennzeichnet ist. Und so geht der Film durchaus
nachvollziehbar vor: Langsam destruiert er das sicher geglaubte Gefüge aus
Job, Freundeskreis und Familie, indem er die Figur des Russel Bell einführt,
einen Fluglotsen, der bereits erkannt hat, dass seine Kontrolle über die
Umwelt beschränkt ist. So gestattet er etwa seiner Beziehung sehr grosse
Freiheit, und auch der Rest seines Auftretens ist geprägt von der
Gelassenheit eines Mannes, der entweder einen tiefen Glauben besitzt, oder
zumindest den Glauben an die Kontrollmöglichkeit seiner Umwelt aufgegeben
hat.
Aber mal ehrlich: Auch wenn mir das eine plausible und sinnige Erklärung zu
sein scheint, wer würde annehmen, dass sich über dieses Thema ein richtig
spannender Film drehen liesse? Niemand, und deswegen ist "Turbulenzen und
andere Katastrophen" auch kein solcher Film geworden. Sondern vielmehr
einer, dessen einzelne Episoden zu wenig zusammenhängend sind, um dem
Zuschauer diese sehr komplexe Thematik verständlich zu machen.
Wahrscheinlich war dem Drehbuchschreiber/Autor sein eigener Ansatz nach
einer Weile ebenfalls zu anstrengend, sodass die schlussendliche Lösung des
Filmes (Stichwort Turbulenzen) eher als eine Art deus-ex-machina-Lösung
daher kommt. Einmal die Umöglichkeit der Kontrolle zu erfahren scheint mir
kaum ein probates Mittel zu sein, um diesen Konflikt für immer zu
beseitigen. Wie auch immer: Nick Falzone gelingt es, aus dieser einmaligen
Einsicht heraus sein Leben wieder in den Griff zu bekommen, was ob der
Unglaubwürdigkeit des Situation allenfalls als "ganz nett" gelten kann. Wie
auch der restliche Film hat das Ende keinen richtigen Biss. Es ist schwierig
zu sagen, was genau der Film hätte besser machen müssen - es fehlt einfach
die Spannung, die den Zuschauer über die volle Länge an den Film bindet. Zu
oft driftet man von dem für das eigene Leben wenig relevanten Thema weg, und
man wird auch nicht wieder richtig zurückgeholt. Vielleicht hätte hier etwas
"eye-candy" geholfen, das etwas spröde Thema ansprechender zu verpacken. Und
dringend notwenig wäre ein schlüssigeres Ende gewesen.
Nichtsdestotrotz ist John Cusack mal wieder gut (wenn auch nicht so gut, wie
er sein könnte, wäre des Drehbuch besser), und auch Billy Bob Thornton kann
in der ungewöhnlichen Rolle des Russel Bell überzeugen. Im wesentlichen Film
lebt der Film von diesen beiden Darstelleren, der Rest ist formal wie
darstellerisch (trotz der in letzter Zeit so gelobten Angelina Jolie) eher
unbedeutend. Ach ja, eines noch: Eine Komödie ist der Film eigentlich
nicht...
Fazit
Nur teilweise erfolgreiche Studie über Kontrollwahn
Turbulenzen und andere Katastrophen
Originaltitel Pushing Tin
Starttermin 29.06.2000
Genre Komödie
Daten USA, 123min, FSK 6
Regie Mike Newell
Drehbuch / Vorlage Darcy Frey, Glen Charles
Darsteller John Cusack, Billy Bob Thornton, Cate Blanchett, Angelina Jolie
uva.
Trailer Quicktime Movie (Offizielle Site)