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Kritik: Crazy



hier und unter http://members.tripod.de/bloed/kino/040.html

crazy
von Lukas Heinser
Da wird endlich mal ein Buch verfilmt, das ich schon gelesen habe und
dann ausgerechnet „Crazy“ von Benjamin Lebert, die widerlichste
„Dr.-Sommer-ich-habe-ein-Problem“-Nabelschau eines Spätpubertierenden,
die je mit Hilfe von Kontakten zwischen zwei Buchdeckel gewürgt wurde.
Dieser gnadenlos peinliche, aufgesetzte „Entwicklungsroman“ der von den
Problemen eines halbseitig gelähmten Jungen erzählt, der auch noch
blondierte Haare hat, war natürlich DIE Literatursensation, die bis auf
ein paar ganz aufmerksame Journalisten niemand zu verreißen wagte. Das
Buch wurde mindestens so oft verkauft wie die Bibel und so konnte es
auch nicht mehr lange dauern, bis sich irgendein Regisseur dieser
Botschaft aus der Zwischenwelt annahm.
Hans-Christian Schmid hat auch bei Nach fünf im Urwald und 23 Regie
geführt. Beide Filme habe ich noch nicht gesehen, aber das werde ich
sicher nachholen. Zwar hat der Film dramaturgisch kaum noch was mit den
längsten 174 Seiten der Literaturgeschichte zu tun, aber er ist dennoch
eine herbe Enttäuschung. Eine Story ist quasi nicht vorhanden, es wird
im pseudo-dokumentaristischen Stil das Leben von Benjamin, der sich
selbst gerne „Krüppel“ nennt, weil er meint, dann würden ihn die Anderen
mögen, und seinen Freunden im Internat geschildert.
Die Freunde könnten ihrem Aussehen nach auch von Jim Henson gebaut
worden sein und sind alle unglaublich anti. Überwiegend anti-Helden.
Fett, blöd, komplexbeladen oder cool. Also der ganze pubertäre Abschaum,
wegen dem ich Einkaufszentren und Kinos eigentlich meide. Übrigens auch
der gleiche pubertäre Abschaum, der um mich und meine Mitstreiter herum
im Kino vor sich hin vegetierte.
Beim Casting für diese armen Spinner wäre ich gerne zugegen gewesen. Auf
die Leinwand geschafft haben es unter anderem Robert Stadlober aus
Sonnenallee, den ich hier einfach nur als störend, ja
aggressionsfördernd empfand, als Benjamin, äh, Verzeihung, „Krüppel“ und
Tom Schilling aus Schlaraffenland als dessen unglaublich cooler Freund
Janosch. Leider malt dieser Janosch keine niedlichen Tiger und Bären und
ist von daher auch nervig. Hinzu kommen noch Julia Hummer aus Absolute
Giganten, die gerade in meiner Gunst abgestürzt ist und eine mir völlig
unbekannte Person namens Oona Devi Liebich (sic!), die hier als Schwarm
aller Jungs Malen (das spricht man „Maleeen“ und nicht etwa „malen“ aus,
worauf man im Buch auch hätte hinweisen können) fungiert. Offenbar war
sie auch Schwarm der halben Crew, denn ihre Vergötterung durch die
Kamera hätte Lenie Riefenstahl nicht besser hinbekommen und wird nur
noch durch die von Denise Richards in Wild Things überboten.
Wo wir gerade bei der Kamera sind: die ist auch extrem unentschlossen
zwischen schönen Fahrten und Bildern auf der einen und wirren,
unterbelichteten Handaufnahmen auf der anderen Seite.
Des weiteren scheint die Crew vorher Absolute Giganten in sich
aufgesogen zu haben, denn manche Kameraeinstellungen, Kommentare und die
Musik erinnerten teilweise doch recht arg an Sebastian Schippers
Meisterwerk. Nur leider hat es den Machern von Crazy nicht mal genützt,
gute Ideen zu klauen, denn die Philosophieanfälle der Teenies wirken
aufgesetzt und die Musik ist überwiegend störend.
Dass der Titelsong von echt sein würde, war eigentlich von Anfang an
klar, dass sie mal wieder den toten und damit wehrlosen Rio Reiser
covern ist tragisch, aber immerhin enthält ihr „Junimond“ ja die Zeile
„es ist vorbei“, die wir trotz unserer Abneigung gegenüber den
Flensburgern gerne mitgesungen haben.
Crazy hat ein paar gute Ideen, die aber im Gesamtkonstrukt untergehen.
Alles läuft wirr vor sich hin um dann im finalen Singsang aufzugehen.
Das größte Problem ist aber sicher die Zielgruppe, die einfach keine
großen Experimente erlaubt. Und so konnte sich Schmid, im Star-Vehikel
gefangen, nicht mehr als ein paar Holzhammermetaphern erlauben.
Die Vorlage war scheiße, der Rahmen eng, da kann auch ein guter
Regisseur wenig ausrichten. Obwohl die Idee, eine Sexszene OHNE MUSIK zu
drehen schon ziemlich abgefahren ist.

ausreichend
--
"desole-je suis american-please cook my steak again-
 je suis american-desole-je ne parle pas francais"
               (Ben Folds Five - Your Redneck Past)
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