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Kritik: Magnolia (1999)
- Subject: Kritik: Magnolia (1999)
- From: Christina Gross <changeling@darcy.inka.de>
- Date: 11 Jul 2000 07:11:45 GMT
- Approved: tln@zedat.fu-berlin.de (drfk-mod)
- Expires: Fri, 11 Aug 2000 00:00:00 GMT
- Followup-to: de.rec.film.misc
- Keywords: gross 35/1113 f106133
- Newsgroups: de.rec.film.kritiken
- Organization: (Posted via) INKA e.V. http://www.inka.de/
- Sender: tln@zedat.fu-berlin.de (Thorsten L Nicolai)
- Xref: nr-do2.de.uu.net de.rec.film.kritiken:1142
Magnolia
Ein Film von Paul Thomas Anderson
Mit Julianne Moore, Tom Cruise, Jason Robards, Melora Walters, William
H. Macy u. a.
Gibt es Zufälle? Diese Frage stellt der hochkarätig besetzte
Episodenfilm von Paul Thomas Anderson. Schauplatz der Handlung ist Los
Angeles, und wie in solchen Filmen üblich treffen die Zuschauer auf
eine Reihe von mehr oder weniger skurrilen Gestalten, deren Schicksal
auf aberwitzige Weise miteinander verknüpft ist. In einer luxuriösen
Villa stirbt der reiche Earl Partridge (Jason Robards) an Krebs. Seine
neurotische junge Frau Linda (Julianne Moore) will ihn plötzlich nicht
mehr beerben, weil sie ihn zwar wegen des Geldes geheiratet hat, ihn
inzwischen aber wahrhaftig liebt. Sein Pfleger Phil (Philip Seymour
Hoffman) will ihm helfen, sich mit seinem Sohn auszusprechen. Earl
hatte Frau und Sohn abserviert, und Frank T. J. Mackey (Tom Cruise)
verarbeitet dieses Kindheitstrauma dadurch, dass er
emanzipationsgeschädigten Männern beibringt, wie sie bei modernen
Frauen doch wieder auf ihre Kosten kommen. Partridges Firma produziert
ein Fernsehquiz, in dem Kinder gegen Erwachsene antreten. Da ist
Wunderkind Stanley Spector (Jeremy Blackman) gerade dabei, einen
Rekord zu brechen, was vor allem seinem Vater, einem erfolglosen
Schauspieler, am Herzen liegt. Was aus solchen Wunderkindern werden
kann, sieht man an Donnie Smith (William H. Macy), der immer noch
verzweifelt und vergeblich versucht, von seinem Ruhm zu zehren. Der
langjährige Moderator der Sendung, Jimmy Gator (Philip Baker Hall),
hat auch gerade erfahren, dass der Krebs ihm nur wenige Monate lassen
wird. Deshalb versucht er, sich mit seiner Tochter Claudia (Melora
Walters) zu versöhnen, einer drogensüchtigen Prostituierten, die sich
gerade in den simpel-freundlichen Polizisten Jim Kurring (John C.
Reilly) verliebt hat. Schon verwirrt? Dabei kommt es noch besser. Oder
auch nicht.
MAGNOLIA behandelt zwar ein schon etwas ausgelutschtes Thema, aber
dennoch denke ich, dass man mehr daraus hätte machen können, vor allem
mit diesen Darstellern. Anderson, der auch das Drehbuch schrieb, hatte
sich da schon eine interessante Konstellation von Charakteren
einfallen lassen, nur blieben diese platt und klischeehaft. Vermutlich
lag das auch an Andersons stark eingeschränktem Wortschatz, der nicht
sehr weit über das beliebte Wort mit F hinausgeht. Er wirft mit
Schimpfworten um sich wie ein Kind, dass durch diesen Schockeffekt die
Aufmerksamkeit der Großen erregen möchte. Da Anderson sonst nicht viel
zu sagen hat, ist das nicht abendfüllend, schon gar nicht in einem
Film mit Überlänge. Ab und zu gelingt es Anderson, z. B. die
melancholische Stimmung an Earl Partridges Totenbett wunderbar
einzufangen, aber solche Momente sind selten. Meist drücken die
Darsteller Emotionen nur aus, indem sie unkontrolliert herumbrüllen
oder losheulen, wodurch dann auch noch ihr Text verschütt geht. Das
fiel besonders bei Julianne Moore unangenehm auf. Die
Oscar-Nominierung hätte ich lieber Philip Seymour Hoffman oder John C.
Reilly gegeben, die ihre Rollen wesentlich besser ausfüllten als Tom
Cruise. Was mich auch noch störte waren die abrupten Wechsel, mit
denen Anderson am dramatischsten Punkt einer Szene plötzlich in einen
ganz anderen Handlungsstrang einstieg, um dann kurz darauf genau da
weiterzumachen, wo er vorher ausgestiegen war. Er blies einen Ballon
auf, stach mit einer Nadel hinein, und versuchte dann, die kaputte
Gummihülle wieder aufzublasen. Funktioniert nicht.
An Robert Altmans Meisterwerk SHORT CUTS, dem Anderson sichtbar
nacheiferte, reicht MAGNOLIA bei weitem nicht heran. Altman hatte mit
Raymond Carvers Kurzgeschichten eine solide literarische Vorlage, die
so geschickt bearbeitet war, dass der Film nicht in seine einzelnen
Episoden zerfiel. Bei Anderson hatte ich am Ende das Gefühl, dass er
viel Zeit verschwendet hat, in der er sich besser seinen Figuren
gewidmet hätte. Aber die Musik von Aimee Mann entschädigt für so
manches.
--
Hin und wieder macht es Spass, sich mit Themen zu beschaeftigen,
die sich an Menschen richten, die älter als 25 sind.
Clint Eastwood
Gesehen und Gelesen: http://sites.inka.de/darwin