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Kritik: American Psycho
- Subject: Kritik: American Psycho
- From: Thomas Schlömer \(FS\) <thomas.schloemer@filmspiegel.de>
- Date: 16 Sep 2000 05:21:18 GMT
- Approved: tln@zedat.fu-berlin.de (drfk-mod)
- Expires: Tue, 17 Oct 2000 00:00:00 GMT
- Followup-to: de.rec.film.misc
- Keywords: schloemer 120/1226 f006585
- Newsgroups: de.rec.film.kritiken
- Organization: None
- Sender: tln@zedat.fu-berlin.de (Thorsten L Nicolai)
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American Psycho
"..., aber selbst dann gibt es keine Katharsis"
Inhalt
Patrick Bateman (Christian Bale) ist ein wohlhabender, gepflegter,
topmoderner junger Mann, dem man neben gewisser Arroganz eigentlich nur
seinen Hang zu Serienmorden vorwerfen kann. Aber wer käme schon auf solche
Hobbies. Niemand ahnt etwas. Allzu sehr fügt sich Bateman perfekt in den New
Yorger Mikrokosmos aus Drogenkonsum und des Dummrumstehens, als dass hinter
seiner perfekten Fassade Unregelmäßigkeiten vermutet werden könnten.
Seelenruhig bringt er Unliebsame um, ohne von einem Detective (Willem Dafoe)
nennenswert aus der Ruhe gebracht zu werden.
Meinung Flemming (fs) 7/10
Kurzkommentar
Mary Hannon wagte sich an das Undenkbare und verfilmte das kontroverseste
Buch der letzten zehn Jahre. Dabei gelingt Christian Bale als fühlloser,
gieriger Schlächter eine bemerkenswerte Leistung, insgesamt wird der
Albtraum des Buches und seine orgienhafte Gewalt, die weder reduziert noch
hätte dargestellt werden dürfen, in eine zu beruhigende Konvention gezwängt.
Kritik
Endlich ist jetzt das geschehen, was unvermeidlich und doch unmöglich war:
der Versuch, dem "American Psycho" eine filmische Entsprechung zu geben.
Denn letztlich kann kein Roman, sei er noch so unverdaulich und auf die
Phantasie seines Lesers angewiesen, der Verwurstung durch Hollywood
entkommen. Bret Easton Ellis, der Autor des Werkes, das für einen Aufschrei
von Amerika bis nach Europa sorgte, dachte beim Verfassen seines Experiments
sicher nie an die Möglichkeit einer Filmversion, war doch die vermeintliche
Satire auf den hedonistischen Kapitalismus der Yuppie-Kultur der 80er
unvorstellbar gewalttätig und monoton. Man konnte das Buch ob seiner
Unzumutbarkeit, des Auswälzens von minutiös geschildeter Mordorgien und
oberflächlichem Philosophieren über Markenartikel und Musikstücke auf über
fünfhundert Seiten nur hilflos hassen oder es sich als totale Dröhnung
geben.
Aufgrund der überzogenen Gewalt wollte es Ellis als zugespitzte Karikatur,
als Explosion eines sinnentleerten Konsumsklaven verstanden wissen, dessen
äußere Scheinhülle nie eine innere hatte. Ob man bei der Lektüre nun
schmunzelte oder sich übergeben musste, ob man es als Anleitung für
Psychopathen oder als eines der wichtigsten Romanwerke der 90er titulierte -
kaum ein anderes Buch korreliert stärker mit der Vorstellung seines Lesers
und ist noch immer so aktuell, weil sein Zeitgeist als Chiffre gleichzeitig
zeitlos, also auch auf heute übertragbar ist. Doch nun kommt Hollywood und
weist das Monster Patrick Bateman, durch den Ellis in der schrankenlosen
Ausdehnungsfähigkeit des Buches gleichsam das potentiell Böse in uns selbst
als Metapher reflektierte, in seine Schranken und zurück in die 80er. Das
Erschreckende wird quantifizierbar und reduktionistisch zugleich.
Das Buch galt auch zurecht als unverfilmbar, weil die Selbstzensur
Hollywoods den Gewaltexzessen einen Riegel vorschieben und dem
Leerstellenmonster Bateman ein Gesicht verpassen muss. Dabei sollte es nur
eine Vorstellung im Kopf des Lesers und nicht den einen Patrick Bateman
geben. Regisseurin Mary Hannon ("I shot Andy Warhol") wusste, dass es für
die krasse Maßlosigkeit der Vorlage kein wirkliches Pendant geben konnte,
denn wo sonst Roman- und Filmdramaturgie analog sein können, tritt Ellis
enervierendes Wüten jede Spannungs- und Entwicklungskurve mit Füßen. Und
vielleicht hat Hannon Ellis´ Hammerschlag das Beste abgerungen, was
überhaupt denkbar war. Die Gewalt musste unsichtbar, ins Unterbewusste
verbannt und die Satire in Batemans Markenidentität verlegt werden.
Dass man dabei dennoch in Serienkillerkonventionen abdriften würde, war
vorprogrammiert. Es fehlt das Explosive und die Bestie Bateman scheint
abgerichtet, fast gebändigt. Man mag Hannon nun vorwerfen, dass es gerade
ihr Fehler ist, mit "American Psycho" einen unterhaltsamen Film vorgelegt zu
haben, aber insgesamt ist ihre Kuriositätentour durch den Megakapitalismus
und seine Menschen, die nur noch bloße Objekte sind, eine gelungene Satire.
Ihr mangelt es bloß an Spannung und selbstreferentiellem Charakter, denn wo
wir in Ellis Buch die Realität allein durch die subjektive Perspektive des
Monsters wahrnehmen, sehen wir den Batemans des Films zu lange von außen.
Dadurch wird die Hauptfigur leichter fassbar, aber glücklichweise nicht
psychologisch plausibler. Und auch wenn es ihn nicht geben durfte, ist
Christian Bale wohl die idealste Wahl für Patrick Bateman. Kühl gibt er
seine bisher beste Schauspielleistung und zeichnet gefährliche
Oberflächlichkeit, die in eine Tiefe blicken lässt, die es gar nicht mehr
gibt. Die restlichen Darsteller, auch Willem Dafoe, werden konsequenterweise
zur reinen Stafette. Hannon bildet die wichtigsten Sequenzen der Vorlage ab
(mit der Kettensäge geht sie sogar darüber hinaus) und Bale demonstriert
Bateman als groteske, Luxusartikel anbiedernde Hüllenfigur ohne Sensiblität.
Emotionale Regung ist nur noch im Tötungsrausch und in dekadenter Konkurrenz
zu den Teamkollegen seiner Brokerfirma möglich. In der grandiosten Szene des
Films treibt Hannon die Absurdität des Identitätswettstreits im Vergleich
von Visitenkarten auf die Spitze, deren feine Distinktionen für uns
unerkennbar, für Bateman allerdings persönlichkeitsentscheidend sind. Mit
seinesgleichen definiert er sich nur noch durch Designeranzüge und den
Status der Restaurants, die für tagtägliche Geschäftsessen aufgesucht
werden. Und bevor er seine Opfer dahinschlachtet, hält er groteske
Kurzvorträge über das vermeintlich tiefe, medititative Wesen der Musik von
Whitney Huston oder Phil Collins. Hinter allen Marken erstickt und versinkt
der Mensch. Als detonierte Zerrfigur der oberflächlisten Existenz, die mit
Konsequenz in Mordlust mündet und trotzdem keine Katharsis bietet, da außer
ihr niemand die Verzweifelung zu erkennen vermag, ist Hannons "American
Psycho" durchaus gelungen. Als Bateman am Telefon seine Bestialität seinem
Anwalt beichtet, der alles nur für einen schlechten Witz halten kann,
inszeniert die Regisseurin die Serielkillerkarikatur, an der es bis dahin
mangelte.
Vielleicht hätte mit mehr schwarzem Humor, mehr konventioneller Spannung
durch Gewalt einen deutlicheren Effekt erzielen können. Aber auch so ist in
Christian Bales steinernem Gesicht der ausdruckslose Schrecken eindrucksvoll
festgehalten. Trotzdem scheint die Metapher über das Psychopathische in uns
be- statt entgrenzt und in eine allzu einfache Form verwiesen, die
allerdings einen Blick wert ist.
Fazit
Darstellerisch hervorstechende, gleichzeitig aber zu zahme Satire
American Psycho
Originaltitel American Psycho
Starttermin 07.09.2000
Genre Drama/ Komödie /Thriller
Daten USA 2000, 102 Min., FSK 16
Regie Mary Hannon
Drehbuch / Vorlage Mary Hannon, Bret Easton Ellis
Darsteller Christian Bale, Willem Dafoe, Chloë Sevigny, Reese Witherspoon
Trailer Auf offizieller Seite