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Kritik: Die Stille nach dem Schuß



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Die Stille nach dem Schuss


"Wir wollten das Unrecht abschaffen, und den Staat am besten gleich mit"


Inhalt
Die bundesdeutsche RAF-Terroristin Rita (Bibiana Beglau) flieht nach
Ost-Berlin, um für sich und andere Aussteiger, die in möglichst ferne Länder
wollen, die Vermittlung der DDR zu erbitten. Doch die DDR zeigt kein
Interesse am Vermitteln. Wenn schon, dann will sie die Leute im eigenen Land
haben, unter eigener Kontrolle. Rita entscheidet sich gegen die Bewegung.
Sie will sich auf das andere Deutschland einlassen. Dort begegnet ihr eine
andere Wirklichkeit, als sie erhofft hat, vor allem durch ihre Bekanntschaft
mit der Kollegin Tatjana (Nadja Uhl). Tatjana revoltiert gegen die
erstarrten Verhältnisse, an die Rita den Rest ihres Traums von einer
besseren Welt gehängt hat.


Meinung Flemming (fs) 7/10

Kurzkommentar
Volker Schlöndorff ("Der Unhold") wagt sich mit "Die Stille nach dem Schuss"
an die Behandlung einer doppelten Vergangenheitsschocks. Wo der politische
Kontext ebenso wie die Spannungsdramaturgie im Ansatz stecken bleibt,
überzeugt der Film durch beobachtungsgenaue Atmosphäre und eindringliches
Schauspiel.

Kritik
Mit der Verfilmung von Günter Grass´ "Blechtrommel" gelang Volker
Schlöndorff 1979 der große Wurf, dem internationale Aufmerksamkeit und
schließlich sogar ein Oscar für den besten ausländischen Film zuteil wurde.
Zuletzt versuchte er sich in den USA erfolglos mit dem Thriller "Palmetto"
und kehrte nach Deutschland zurück, um sich einer Quasi-Literaturverfilmung
der Autobiographie "Nie war ich furchtloser" (1996) der Ex-Terroristin Inge
Viett anzunehmen. Ein Rechtsstreit schien anzurollen, weil Viett, über ihre
Leinwandabbildung nicht gerade erfreut, nicht-autorisiertes Handeln
anprangerte, derweil Schlöndorffs Studio in Berlin-Babelsberg heftig
dementierte. Mittlerweile ist es jedoch zu einer außergerichtlichen
Beilegung durch Geldzahlung gekommen.

Dabei wundert, dass die Filmindustrie, zumal die deutsche, bisher noch kein
Interesse zeigte, das Terrorismus-Phänomen der siebziger Jahre, ein diffuses
Konglomerat aus urmarxistischem Utopismus, Ethik, Pop und Romantik,
ästhetisch zu verarbeiten. Vielleicht ist die Distanz noch nicht groß genug,
vielleicht herrscht aber auch zu viel Ratlosigkeit und zu viel Zweifel, um
den sozialistischen Traum der gewaltbereiten RAF in differenzierter Manier
zu erfassen. Womöglich wäre ihre Identität und Selbstreflexion, einfach
alles in Plattitüde und Klischee erstickt. Schlöndorff hingegen belässt es
nicht dabei, vielmehr geht er geht er mit "Die Stille nach dem Schuss"
insofern über diesen Versuch hinaus, als er versucht, neben die diskursiv
schwer erfassbare Geschichte des deutschen Terrorismus noch die des "real
existierenden Sozialismus" zu stellen. Beide Systeme waren in sich
geschlossen, tendierten immer mehr zum Wahn und in Richtung innere
Wirklichkeit. Die Kämpfenden im Westen wollten den kapitalistischen Staat in
Blut versenken und hingen noch immer der naiven Vision eines gerechten
Sozialismus nach, während die im Osten sich bloß in den Westen und weg von
der bürokratischen Tyrannei des Realsozialismus ("Wir sind für die Leute und
deshalb sind wir gegen sie") träumten. Menschen kamen von einem System ins
andere und bundesdeutsche Terroristen, im Westen gesucht, fanden in der DDR
unter neuer Identität Schutz und ein neues Leben im spießbürgerlichen
Konformitätsalltag der "sozialistischen" Gesellschaft, die man sich
irgendwie anders, gerechter gedacht hatte. Das war´s mit der Romantik.

Unter der entscheidenden Mitwirkung des DDR-erfahrenen Autors Wolfgang
Kohlhaase bot sich Schlöndorff die zugegebenermaßen sehr schwierig
einzulösende Aussicht, einen politischen Film zu drehen, in dem sich im
Medium der Kunst die Geschichten zweier Phänomene auf deutschem Boden
gegenseitig erhellen würden. Doch der Regisseur macht schnell klar, dass es
ihm nicht um eine möglichst facettenreiche Politreflexion, sondern mehr um
die Psyche des Terrorismus anhand einer Protagonistin geht. Überall, wo sich
dem ursprünglich als Fernsehproduktion gedachten Film die Chance bietet, den
innerdeutschen Diskurs zu erfassen, verliert er sich in Symboliken und
altbekannten Gesten. So intensiv der Film auf politischer Ebene hätte werden
können, vielmehr als Klischee ist er hier nicht. Sobald die sozialistischen
Rebellen oder auch die Stasi-Charaktere ihre Idee der Staatsführung
artikulieren, wird "Die Stille nach dem Schuss" ziemlich hölzern und
zuweilen zur Makulatur.
Dass diese Möglichkeit somit an der Oberfläche bleibt, wird aber durch
Schlöndorffs Interesse für seine Handelnden kompensiert. Mit der Besetzung
der Hauptrolle durch Bibiana Beglau ist eine große Entdeckung gelungen und
nicht umsonst wurde die Darstellerin in Berlin mit dem Preis für die beste
Hauptdarstellerin bedacht. Ihr Spiel ist ungemein vielschichtig und weniger
fanatische Phrase als vielmehr bemerkenswert distanziert und verunsichert,
streckenweise sogar unzugänglich. Mit der Figur der Rita lässt Schlöndorff
nicht nur den Menschen hinter dem Terroristen Platz, sondern skizziert auch
glaubwürdig jenes Trauma, in das für viele ihre abstrakte Wunschvorstellung
letztlich mündete. Der Film fängt mit einem als Spiel dargestellten
Banküberfall szenisch ziemlich vermurkst an und auch der große
Spannungsbogen wird schlechterdings vermisst. Was zudem negativ wiegt, ist
das mehr ruckartige Fortschreiten der Geschichte und dass der Zuschauer
statt Zusammenhang nur flüchtig eingeworfene Fragmente der Ideologien
serviert bekommt.

Ohne spannungstechnische Spitzen entsteht so ein Flickenteppich, dem es
durchweg an Antrieb mangelt. Doch ist die Stille auch seine Leistung, denn
in der Beobachtung des DDR-Alltags und in der zeitintensiven
Beziehungsdarstellung zwischen Rita und ihrer alkoholkranken Freundin
Tatjana (Najda Hull) beweist Schlöndorff minutiöse Beobachtungsgabe und
Autentizität. Die Eine will dem repressiven Kleinbürgeregalismus in den
Westen entfliehen, die Andere muss ihre Westvergangenheit verschweigen und
versucht, sich dem DDR-System zu fügen und ernüchtert ihre reservierte
Idylle zu finden, nur, um mit dem Fall der Mauer Sämtliches zu verlieren.
Sympathieträger werden beide. So wird aus der "Stille nach dem Schuss" zwar
kein vergangenheitsbewältigender Großentwurf, aber ein ruhig-subtiles
Psychogramm, eingebettet in realistisches Zeitkolorit. Nur Fragen
beantwortet es keine.

Fazit
Spannungsarmes, jedoch glaubwürdiges Gesinnungsdokument


Die Stille nach dem Schuss
Originaltitel Die Stille nach dem Schuss
Starttermin 14.09.2000
Genre Drama
Daten Deutschland 1999, 103 Min., FSK 12
Regie Volker Schlöndorff
Drehbuch / Vorlage Michael Kohlhase
Darsteller Bibiana Beglau, Martin Wuttke, Nadja Uhl, Harald Schrott u.a.
Trailer -