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Kritik: Weil ich ein Mädchen bin
- Subject: Kritik: Weil ich ein Mädchen bin
- From: Thomas Schlömer \(FS\) <thomas.schloemer@filmspiegel.de>
- Date: 30 Dec 2000 09:56:56 GMT
- Approved: tln@zedat.fu-berlin.de (drfk-mod)
- Expires: Tue, 30 Jan 2001 00:00:00 GMT
- Followup-to: de.rec.film.misc
- Keywords: schloemer 169/1433 f025271
- Newsgroups: de.rec.film.kritiken
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Weil ich ein Mädchen bin
"Ich bin ein Homo, oh mein Gott!"
Inhalt
Megan (Natasha Lyonne) ist ein Teenager, wie ihn sich Amerika nur wünschen
kann: Hübsch, freundlich, ehrgeizige Schülerin, Cheerleader und mit dem
Quarterback des Football-Teams liiert. Eine Tochter wie Megan ist ein Traum.
Gäbe es da nicht eine verstörende Kursabweichung. Eines Nachmittags platzt
die Bombe. Eltern und Freunde behaupten, dass Megan kein normales Mädchen
ist. Die Beweise sind erdrückend: Melissa Etheridge-Poster im Zimmer,
Pin-Up-Girl im Spind, Tofu statt T-Bone zum Essen und dann der unerklärliche
Ekel vor der Zunge, die ihr Freund wie ein Quirl einsetzt. Im
Rehabiliationscamp 'True Directions' sollen die lesbischen Symptome
behandelt werden. Megans Protest verpufft wirkungslos in der allgemeinen
Hysterie.
Meinung Flemming (fs) 7/10
Kurzkommentar
Denkbar, dass Jamie Babitts grellbunte Geschlechterfarce zum Opfer eben
jener Gemeinplätze, Klischees und Konventionen wird, die sie ins Lächerliche
zieht. Nichtsdestoweniger lebt die Satire in ihrem Kitsch- und Plastikkosmos
trotz aller Geistlosigkeit auf und verkauft mit Erfolg eine etwas späte,
aber schrill-komisch gepinselte Abrechnung mit der kategorischen
Geschlechterdifferenz.
Kritik
Die Zeiten, in denen sich die Konstruktion von Geschlechteridentität allein
schon über die Kleidung vollziehen konnte, sind in der Epoche der Hosen zwar
vorbei, liegen aber noch gar nicht lange zurück. Noch im ausgehenden 18.
Jahrhundert war es Frauen, die Armut, gesellschaftliche Diskriminierung und
erdrückende Rollenkonventionen flüchteten, möglich, sich als Mann zu
"verkleiden" und so z.B. Jahre in der Männerdomäne Seefahrt die Weltmeere zu
bereisen, ohne als weiblicher Matrose enttarnt zu werden. Die menschliche
Wahrnehmung wich von der heutigen also enorm ab, wenn sich das Geschlecht
vornehmlich durch die Kleidung definierte. Der Kategorie Geschlecht kam
konstitutive Bedeutung zu, seit jeher geprägt von Stereotypen, die die
Geschlechterverhältnisse klar, und d.h. nach der Herrschaft des Mannes zu
ordnen hatten.
Nachdem die Frau die Biedermeier-Zeit rollengemäß brav hinter dem heimischen
Herd verbracht hatte, wurden erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit der
Einführung des Frauenwahlrechts Verbesserungen spürbar, nicht aber
hinsichtlich der gesellschaftlichen Ächtung der Homosexuellen. Von Hitlers
Handlangern ermordet und bis heute vom Katholizismus nicht toleriert, hängt
ihnen auch in Zeiten sexueller Libertinage, der Auflösung der
Geschlechterdifferenzen hin bis zur Inversion der Geschlechterrollen und den
Gender Studies in vielen Breitengraden noch immer das Stigma der krankhaften
Anormalität an. Eine Vorreiterrolle scheint wieder das christlich
wertkonservative Amerika einzunehmen, das - man glaubt es kaum - die in
"Weil ich ein Mädchen bin" zu Schauplatz erwählten Umerziehungslager (!)
anscheinend tatsächlich betrieb und vielleicht noch betreibt. In
Gehirnwäsche wird hier der hirnlose Versuch unternommen, "sachgerecht
umzupolen" und den einzig "wahren" Weg zur Heterosexualität einem
Militärdrill ähnlich zu predigen.
Das gehört ebenso an den Pranger wie das andere Extrem, nämlich die
freiwillige Fügung in Rollenklischees (der Originaltitel "But I´m a
Cheerleader" verweist auf die Reduzierung der Frau zum Objekt) und so
unternimmt die erst 30-jährige Regisseurin Jamie Babbit ein genüsslich
überzeichnetes Spiel mit dem, was es nach gemeinläufiger Vorstellung heißen
soll, Mann oder Frau zu sein. Der deutsche Filmtitel mag da erst für Grusel
und Furcht vor einer weiteren Teenie-High-School-Klamotte (sicher auch ein
interessanter Teil des "Geschlechterdiskurses") sorgen, aber "Weil ich ein
Mädchen bin" passt schon eher in bisher leere Schublade der
"Barbie-Grotesken". Denn die in extrem ramschigen, fast surrealistischen
Pinktönen gehaltene Bonbonoptik trägt überdick auf und scheint mit der Welt
auch die starren Rollenideale der Kens und Barbies karikierend lebendig zu
machen. Es ist die bild- und tonhaft eingefangene Abrechnung mit all den
Puppenhäusern, durch die Mädchen früh in ihren gesellschaftlichen Habitus
hineinzuwachsen haben.
Dass man nun bei pinken Gartenzäunen und Betten keinen ernsthaft neuen
Erkenntnisstand für Geschlechterkonstruktion erwarten kann, liegt auf der
Hand. Daran ist Babbit auch gar nicht gelegen, sondern an einer dem schrill
überzeichneten Look entsprechenden Satire auf überkommene Rollenbräuche,
nach denen die Frau den Boden schruppt, derweil der Mann Holz hackt und
Krieg spielt. Der Regisseurin ist demnach höchstens vorzuwerfen, dass dem
Plastikstyle eine ziemlich hohle Innenkonstruktion entspricht, bestehend
allein aus Klischees von Klischees von Klischees - so haben Schwule das
Vorurteil einer gekünstelten Androgynität bestimmend für ihr äußeres
Auftreten gemacht. Darüber darf man dann groberweise lachen, aber der
Streifen funktioniert ungeachtet der plakatmäßig aufgetischten Toleranz- und
"Sei, wer du bist"-Botschaft trotzdem. Die Gags sind flach und so alt wie
die Stereotypen selbst, treiben die Popfarce aber voran und zu schön pinselt
die Regisseurin die Durchbruchsemanzipation zweier Lesben vor
geschmacksmarternd schillernder Kulisse.
Wenn nun noch, wie es der Fall ist, sich die Schauspieler in ihren
spartanischen Rollen der kurzweilig unwirklichen Satire sehr gut einfügen,
ist ausreichend Spaß garantiert. "Weil ich ein Mädchen bin" mag zu jenen
Filmen gehören, die einen gesellschaftskritischen Anspruch entwickeln
könnten. Babitt will aber gar nicht so viel, sie erfüllt eine sicher
plattere Zielsetzung: die amüsante Enttarnung der "Barbie"-Welt als Symbol
traditionellster Geschlechteridentitäten, was unkonventionell und farbig
gelingt.
Fazit
Triviale, aber auch spaßig überzeichnete "Barbie"-Groteske
Weil ich ein Mädchen bin
Originaltitel But I´m a Cheerleader
Starttermin 21.12.2000
Genre Komödie/Satire
Daten USA 1999, 92 Min., FSK 12
Regie Jamie Babitt
Drehbuch / Vorlage Jamie Babitt
Darsteller Natasha Lyonne, Clea DuVall, Dante Basco, RuPaul u.a.
Trailer Auf offizieller Homepage