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Kritik: Süsses Gift
- Subject: Kritik: Süsses Gift
- From: Thomas Schlömer \(FS\) <thomas.schloemer@filmspiegel.de>
- Date: 11 Jan 2001 10:01:26 GMT
- Approved: tln@zedat.fu-berlin.de (drfk-mod)
- Expires: Sun, 11 Feb 2001 00:00:00 GMT
- Followup-to: de.rec.film.misc
- Keywords: schloemer 176/1452 f111677
- Newsgroups: de.rec.film.kritiken
- Organization: None
- Sender: tln@zedat.fu-berlin.de (Thorsten L Nicolai)
- Xref: businessnews.de.uu.net de.rec.film.kritiken:1481
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Süsses Gift
"Du hast sie alle zum Schlafen gebracht!"
Inhalt
Eines Tages findet Jeanne Pollet (Anna Mouglalis) heraus, dass sie
vielleicht bei der Geburt mit einem anderen Baby vertauscht wurde. Daher
macht sie sich auf, ihren "anderen" Vater kennenzulernen: André Polonski
(Jaques Dutronc), einen bekannten Pianisten. Dieser nimmt sie sofort sehr
freundlich auf und hilft ihr bei der Vorbereitung auf einen
Klavierwettbewerb. Doch Andrés Frau Marie-Claire (Isabelle Huppert), die
Jeanne zunächst ebenfalls sehr freundlich aufnimmt, scheint dem unverhofften
Familienzuwachs gegenüber nicht so wohlgesonnen...
Meinung Wolfgang (wr) 4/10
Kurzkommentar
Claude Chabrol inszeniert hier einen recht lahmen Gesellschaftskrimi, dem
man seine Konstruiertheit so sehr anmerkt, dass es wirklich schmerzhaft ist.
Spannend ist das Ganze kaum, und Bezug zur Realität (in Form von Kritik) hat
es ebenfalls nicht. Aber wer Gefallen an artifiziellen Schaustücken
moralischen Verfalls findet, dem wird "Süsses Gift" vielleicht zusagen.
Kritik
In manchen Kritiken zu Chabrols neuestem Film kann man Sätze lesen, die in
etwa so klingen: "Gekonnt gelingt dem Altmeister einmal mehr die
Inszenierung einer gutbürgerlichen Familienidylle, nur um sie hinterher
genüsslich zu demontieren und Scheinheiligkeit und moralischen Verfall zu
entlarven." Schön, wenn es so wäre, denn dann hätte "Süsses Gift" ja
vielleicht etwas für sich. Dummerweise stimmt es nicht, auch wenn es im
Presseheft stehen mag. Denn leider gibt es mindestens zwei gravierende
Mängel, die diesen Anspruch zunichte machen.
Zum einen ist bereits in der allerersten Szene, noch bevor der Filmtitel
genannt wird, vollkommen klar, dass die Zerrüttung längst stattgefunden hat.
So kann zu keiner Sekunde Spannung aufkommen, denn der Zuschauer blickt im
Folgenden eher gelangweilt auf das Geschehen, welches sich ziemlich nach
Plan entwickelt, man hat es von Anfang an gewusst, ganz ohne jede
Filmerfahrung. Was Chabrol mit dieser Offenlegung der Karten bereits zu
Beginn bezweckt, ist nicht ganz klar, aber es verhindert zwangsläufig jede
Form von Demaskierung, und somit jedwede Kritik, die daraus erwachsen
könnte. Also gut, mag man denken, dann zeichnet Chabrol eben das Bild der
Gesellschaft, süffissant überspitzt, aber dennoch schmerzhaft treffend, in
all ihrer Doppelzüngigkeit, Gefühlskälte und Falschheit. Wäre auch nicht
schlecht. Aber für ein auch nur halbwegs angemessenes Gesellschaftsbild
fehlt dem Film jeder Bezug zu eben dieser. Die Figurenkonstellation und der
Plot sind dermassen konstruiert, dass es sich um ein reines Story-Artefakt
ohne jeden Realitätsbezug handelt.
Vielleicht hätte Chabrol, dem selbst Fans vorwerfen, mit aller Gewalt
ähnlich Woody Allen mechanisch in festen Abständen einen Film zu drehen,
ohne Rücksicht auf Qualität, lieber den ganzen Film bleiben lassen und
stattdessen nach dem Titel einfach folgende Textbotschaft einblenden sollen:
"Liebe Zuschauer, stellen Sie sich einen Film über sozialen
Dekonstruktivismus vor, in dem sämtliche Figuren nicht die Kinder ihrer
Eltern sind und bei denen zusätzlich jedwede Erziehung respektive
Sozialisation ins Leere läuft. Folglich sind sie alle soziale und moralische
Krüppel. So, lieber Zuschauer, steht es um unsere Gesellschaft." Damit wäre
alles gesagt, was Chabrol vermutlich sagen möchte, es würde kein bisschen
weniger künstlich wirken, und dem Zuschauer blieben eineinhalb fade Stunden
erspart.
Kleines Gedankenspiel: Nehmen wir mal an, Chabrol hätte sich um etwas mehr
Glaubwürdigkeit, um ein Quentchen mehr Realitätsbezug bemüht, und vielleicht
den Demaskierungsgedanken konsequenter umgesetzt, was wäre dann? Dann hätten
wir einen Film, wie ihn Chabrol zwar nicht zum ersten Mal dreht, aber der
immerhin sehenswert wäre. Die langsame Inszenierung passt nämlich
prinzipiell schon ganz gut zur gewünschten Stimmung, die Bildsprache ist
überzeugend, der Film hat einige interessante Ansatzpunkte. Auch die
schauspielerische Leistung ist nicht zu verachten. Auch wenn Isabelle
Huppert meiner Meinung nach vorab über die Maßen gelobt wurde, so ist ihr
Spiel als berechnende, völlig vereinsamte Schokoladenfrabrik-Besitzerin
dennoch recht überzeugend. Auch Jaques Dutronc spielt den
Schlaftabletten-süchtigen Pianisten, der an jungem Blut Gefallen findet,
nicht schlecht. Alles etwas tranig, auch die restliche Garde, aber das passt
zum Film. Man könnte meinen, Chabrol hätte nicht sein ganze Engagement in
diesen Film gesteckt, ihn nicht lange genug erwogen - denn trotz der vielen
guten Ansätze ist "Süsses Gift" reichlich unausgegoren. Die Idee der
eifersüchtigen, ungeliebten Frau, die ihr Leben lang nur gibt und nie
bekommt, stets im Schatten des Vaters und des Ehemannes steht, und sich
schliesslich an allen (geglaubten) Peinigern rächt, hätte einiges an
Potential - aber nicht in dieser Form.
Fazit
Lahme Mischung aus Gesellschaftskritik und Krimi ohne jeden Biss
Süsses Gift
Originaltitel Merci pour le chocolat
Starttermin 04.01.2001
Genre Drama
Daten Frankreich/Schweiz, 99 min.
Regie Claude Chabrol
Drehbuch / Vorlage Charlotte Armstrong, Claude Chabrol
Darsteller Isabelle Huppert, Jaques Dutronc, Anna Mouglais, Rodolphe Pauly
Trailer -