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Kritik: America's Sweethearts



Filmkritik "America's Sweethearts"

Gesehen am 02.10.2001 im Residenz Kinocenter (Sneak-Preview)

Ach ja, die Traumpaare: Haakon und Mette Marit, Steffi und André, Heino
und Hannelore, Prinz Alex und Lilly, Siegfried und Roy, Dieter Bohlen
und Thomas Anders - ohne sie und die farbenprächtige
Hochglanz-Vermarktung ihres privaten Liebes- und Skandallebens wäre das
im Schnitt drei bis vierstündige Ausharren im Wartezimmer eines
handelsüblichen Augenarztes kaum zu ertragen. Hollywood pflegt seit
Humphrey Bogart und Lauren Bacall einen besonderen Umgang mit seinen
gemischten Doppels: Vor allem Elisabeth Taylor und Richard Burton
illustrieren mit der Chronik ihrer Beziehungskriege den kommerziellen
Umgang der Traumfabrik mit dem privaten Skandalon seiner Stars. Jetzt
hat sich Regisseur Joe Roth mit "America's Sweethearts" auf ebenso
bissige wie romantische Weise der Hollywood-Traumpaare angenommen.

Catherine Zeta-Jones und John Cusack spielen das  Darsteller- und
Ehe-Duo Gwen Harrison und Eddie Thomas, das nach neun gemeinsamen Filme
privat getrennte Wege geht. Seitdem sind die Karrieren der beiden im
Steilflug abwärts begriffen: Die verwöhnte und überkandidelte Gwen dreht
seit der Trennung nur noch Schrott, wofür sie regelmäßig in
Fernseh-Talkshows förmlich massakriert wird. Dafür lässt sie sich in
ihrer Freizeit von einem feurigen, aber schwer minderbemittelten Latin
Lover (Hank Azaria) trösten, während ihre Schwester und Assistentin Kiki
(Julia Roberts als leicht verhuschtes kleines Dummchen) regelmäßig die
Scherben hinter ihr beseitigen muss. Ehemann Eddie hat der Split derart
getroffen, dass er sich ein halbes Jahr in ein New-Age-Therapiezentrum
zurückgezogen hat.

Der Trubel beginnt, als der finanziell schwer angeschlagener Studioboss
Dave Kingman (Stanley Tucci) die beiden für die Pressevorstellung ihres
zehnten und letzten Films "Time after Time" unbedingt wieder
zusammenbringen will. Ausgerechnet der abgetakelte PR-Chef Lee (Billy
Chrystal) sowie die von Gwen gnadenlos herumgeschuppste und
tyrannisierte Kiki sollen als agents d'amour das  Kunststück
vollbringen, die Öffentlichkeit zumindestens glauben zu lassen, Gwen und
Eddie seien wieder tete a tete. Doch es kommt, wie es kommen muss: Der
vor lauter Neurosen an Erd und Sternenzelt zweifelnde Eddie verliebt
sich in Kiki, von der er ohnehin seit Jahren angehimmelt wird, ohne sie
jedoch bislang wahrgenommen zu haben, und hat auf einmal ganz andere
Probleme als einen PR-Termin inklusive gehässiger Pressemeute. Und dass
die Filmpremiere alles andere als wie erwartet verlaufen wird, dafür
garantiert der exzentrische Regisseur Hal Weidmann (Christopher Walken).

Es sind vor allem die Darsteller, in Haupt- wie in Nebenrollen, die
"America's Sweethearts" die humoristischen Glanzpunkte aufzusetzen.
Während die entfesselt aufspielende Zeta-Jones als manierierte, ebenso
herrische wie launische und schwer egozentrische Diva ein wunderbares
Liz-Taylor-Adäquat abgibt, zieht sich Julia Roberts als liebenswerte,
gutmütige graue Maus in der ersten Hälfte des Films bewusst auf die
zweite Geige zurück, um sich später scheinbar schwerelos in den
romantischen Mittelpunkt des Geschehens zu spielen. Und zeigt dabei
ungewöhnlichen Mut zur Hässlichkeit, wenn sie - wenn auch nur in
Rückblenden -  um 15 Kilogramm dicker gezeigt wird. John Cusack braucht
seine Rolle als trauriger Clown aus "Turbulenzen und andere
Katastrophen" nur geringfügig zu variieren, dazu gibt Billy Chrystal
(der ja in "Harry und Sally" seine eigene Erfahrungen als Part eines
Traumpaars sammelte) als desillusionierter und ausgebrannter PR-Chef
einen eher kommentierenden Part ab.

Während dieses darstellerische Viergestirn überwiegend den romantischen
Screwball-Comedy-Anteil von "American Sweethearts" trägt, widmen sich
die Nebendarsteller vor allem der satirischen Breitseite gegen die
Traumfabrik: Stanley Tucci darf als hysterisch-überdrehter Studioboss
mit permanentem Risiko zum Stimmüberschlag durchs Bild kaspern, Alan
Arkin gibt als hochdotierter High-Society-New-Age-Wellness-Oberguru
selten behämmerte Lebensweisheiten von sich, und die Filmpresse
präsentiert sich als Haufen degenerierter, charakterloser Schnaps- und
Kaviarkonsumenten. Die Krone setzt dem ganzen Christopher Walken als
komplett durchgeknallter Genie-Regisseur Hal Weidmann auf, der verfilzt,
unrasiert und langmähnig eine wunderbare Stanley-Kubrick-Persiflage
abgibt und natürlich rein zufällig mit Vornamen genauso heißt wie der
Bordcomputer der "Discovery" aus "2001". Zum Schreien komisch sind auch
die Film-im-Film-Ausschnitte der neun fiktiven Hollywood-Knüller, die
das Hauptdarsteller-Paar Gwen und Eddie stets kurz vor dem jeweiligen
Happy-End abgrundtief belanglose Dialogsätze aufsagen lassen.

Dramaturgisch hält Regisseur Joe Roth allerdings das anfangs
eingeschlagene Tempo nicht durch und kann "America's Sweethearts" weder
als Romantikkomödie noch als Hollywood-Satire konsequent zu Ende
bringen. Hier zeigt sich die 11jährige Abstinenz vom Regiestuhl: Zu
uninspiriert und vorhersehbar ist der Ausgang des Aschenputtel-Plots,
und beim Thema "Was Sie schon immer über Hollywood wissen wollten ..."
versanden so mache Pointen im trüben Sumpf des flachen Kalauers.
Interessant sind die Parallelen der Darsteller zur Realität: Catherine
Zeta-Jones ging mit dem noch populäreren Michael Douglas tatsächlich
eine Promi-Ehe ein, und während Julia Roberts als Oscar-prämierter Stern
am Hollywood-Firmament ihre Bahn zieht, muss sich ihr rechtschaffener
und talentierter Bruder Eric Roberts mit Nebenrollen in viertklassigen
Videoproduktionen begnügen.

Johannes Pietsch