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Kritik: A.I. - Künstliche Intelligenz
- Subject: Kritik: A.I. - Künstliche Intelligenz
- From: Sebastian Schmidt <schmidt@more-magazin.de>
- Date: 8 Dec 2001 15:01:28 GMT
- Approved: tln@zedat.fu-berlin.de (drfk-mod)
- Expires: Tue, 08 Jan 2002 00:00:00 GMT
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A.I. - Künstliche Intelligenz
So leer wie in der Zukunft die Welt aussieht, so leer sind auch die
Herzen der Menschen geworden. Die schlimmsten Albträume sind Wahrheit
geworden, die Menschheit ist gestraft durch Hunger, Übervölkerung und
Naturkatastrophen. In vielen Ländern sind die Menschen am Abgrund, in
den Industriestaaten hingegen wurde hart durchgegriffen und alle tun
so als würde die technische Entwicklung immer noch das wichtigste
sein, auch wenn die Meere steigen. In dieser Welt hat der Big Brother
gnadenlos zugeschlagen, die Überwachung jedes einzelnen läuft, wer
hier die Macht hat ist jedoch nicht mehr auszumachen. In diese Welt
wird David (Haley Joel Osment) geboren, ein kleiner Junge, der aber
nicht echt ist. David ist ein Roboter, sein Chipsatz ist das neue
Projekt des Wissenschaftlers Hobby (William Hurt), der schon seit
Jahren Roboter baut für eine Gesellschaft, in der diese sogenannten
Mecha nicht nur die willenlosen Geschöpfe der Menschen, der Orga,
sind, sondern auch ihnen jegliche Verantwortung und Arbeit abgenommen
haben, ohne dabei Ressourcen zu verbrauchen. Doch die Gesellschaft ist
gespalten, zu schlau sind diese Maschinen mittlerweile, zu sehr
stellen sie die Fähigkeiten des Menschen in den Schatten. Für alles
gibt es Roboter, selbst für den Sex sind perfekten Liebesmodelle
entwickelt worden. Nur eines gibt es nicht, den Roboter mit Seele, den
Roboter, der lieben kann. Doch David ist darauf programmiert eine
Seele zu haben, durch das Sprechen verschiedener Worte kann man ihn
darauf einstellen, dass er lieben soll - und wenn er einmal darauf
geprägt ist, dann wird er niemals aufhören zu lieben. So landet der
David-Prototyp bei Hobbys Mitarbeiter Henry Swinton (Sam Robards) und
seiner Frau Monica (Frances O'Connor) zu Testzwecken. Sie sind
ausgewählt wurden weil sie eine persönliche Tragödie zu verschmerzen
haben. Seit fünf Jahren liegt ihr kleiner Sohn Martin (Jake Thomas)
mit einer unheilbaren Krankheit im künstlichen Kälteschlaf. Monica
zerbricht fast daran, Henry glaubt mit Hilfe Davids als Ersatzkind
seine Frau in ein normales Leben zurück führen zu können. Und so kommt
es auch nach anfänglichen Schwierigkeiten dazu, dass Monica ihren
neuen "Sohn" annimmt, sie prägt ihn und bekommt bei jedem "Ich liebe
dich, Mami" aus seinem Mund von nun an feuchte Augen. Henry hingegen
bereitet diese Entwicklung erneute Besorgnis, er hält David weiterhin
für nicht viel mehr als ein Spielzeug.
David muss bald erkennen, dass etwas mit ihm nicht normal ist, er darf
nicht essen, trotzdem tut er, um das Zusammengehörigkeitsgefühl zu
stärken immer so als würde er imaginäre Lebensmittel in sich
schaufeln. Zu seinem einzigen Freund wird Teddy, das Super-Toy
Martins, ein Roboter-Bär, der darauf programmiert ist ein Kind
anzuleiten und ihm wertvolle Ratschläge zu geben. Doch dann kommt der
Tag der Ernüchterung, ein Heilmittel gegen Martins Krankheit wird
gefunden, der Junge kommt nach Hause und David spielt nicht mehr die
erste Geige. Während Henry nun dafür ist ihn zurück zur
Entwicklerfirma zu bringen kämpft Monika durch, dass er als zweites
Kind im Haus bleibt. Doch er wird nicht akzeptiert. Martin hält ihn
für sein persönliches Spielzeug, als er bemerkt, dass David für seine
Mutter weit mehr als das ist wird er zu seinem Rivalen. Schnell
bemerkt er, dass David alles tun würde, damit Monika ihn liebt, was
Martin die Möglichkeit gibt ihn in zweideutige Situationen zu bringen,
die den Schein erwecken als wäre David auch auf Eifersucht und Haß
programmiert. Monika soll ihn loswerden, doch zu Hobby will sie ihn
nicht zurück bringen, sie weiß, dass dies das Ende ihres Davids wäre.
So setzt sie ihn mit Teddy einsam im Wald aus, ohne David verständlich
machen zu können warum.
Uns so beginnt Davids Reise, eine Suche nach seiner eigenen Identität
mit dem Ziel wie im Märchen von Pinocchio, dass er für wahr hält, ein
richtiger Junge zu werden. Er erlebt die Welt der Menschen von allen
Seiten, findet sich erst auf einem Fleischfest, einer traditionellen
Roboter-Vernichtungsorgie wieder, um dann sehr schnell in Rouge City,
der Stadt der Liebesroboter, einem Sündenbabel ohne Gleichen zu
landen. Begleitet wird er dabei von Joe (Jude Law), einem
hochklassigen Gigolo-Model, dass so gut war, dass seine letzte Kundin
nun erschossen von ihrem Mann im Hotelzimmer auf dem Bett liegt und
alle Schuld auf Joe geschoben wird. Nun bedroht selber auf dem
Schrottplatz zu enden flieht der sorglose Joe zusammen mit David und
will ihm helfen sein Ziel zu finden. Schließlich führt sie die Reise
ans sogenannte Ende der Welt, das mittlerweile überflutete und
zerstörte Manhattan, wo Professor Hobby seine kleine Werkstatt
betreibt...
Jahrzehnte kämpfte Stanley Kubrick um diesen Stoff, die Verwirklichung
verhinderte jedoch erst seine Meinung darüber, dass die Tricktechnik
noch nicht weit genug sei, dann sein plötzlicher Tod. Einer seiner
besten Freunde nahm sich des Stoffs an, Steven Spielberg, der
Kino-Magier, verwendete Kubricks Notizen und Gedanken für das fertige
Drehbuch. Entstanden ist eine pessimistische Zukunftsvision, die
schnell klarmacht wie vergänglich doch das Leben ist und wie
unmenschlich die Menschen. Die Erschaffung des künstlichen Lebens
stellt der Film in Kritik, nicht weil er es sündig findet, sondern
weil er die Menschen für viel zu blöd erklärt um überhaupt im Stande
zu sein mit diesem neu erschaffenem Leben angemessen umzugehen. Selbst
seine Erfinder sind es nicht, denn auch sie verstehen nicht, dass ein
Roboter, der darauf programmiert ist eine Seele zu haben dieses
Programm auch umsetzen will.
Die Philosophie des Films wäre bei Kubrick ohne Frage mehr
herausgetreten, Spielberg setzt auf sein übliches Programm, er will
vor allem phantastisch sein. Das macht den Film zwar niemals
langweilig, trotzdem verhindert es, dass "A.I." zu dem Meisterwerk
wird, dass er sein sein könnte. Zu kitschig fällt die Geschichte
besonders in der zweiten Hälfte aus, zu schwach werden Nebenfiguren,
vor allem die des Erfinders Hobby, betont und charakterisiert, zu sehr
versucht er trotzdem noch ein Hollywoodfilm zu sein, obwohl seine
Geschichte doch alles andere als das ist - und seine Aussage. Zwanzig
Minuten früher Abblende und der Film wäre wesentlich besser, besonders
das tränentreibende Finale verärgert, aber ohne dieses wäre die
Grundstimmung des Films für ein Spielberg-Movie wohl zu pessimistisch,
man denke nur daran was "Saving Private Ryan" ohne die Rahmenhandlung
gewesen wäre, nämlich ein wesentlich düsterer Kriegsfilm. Hier ist es
ähnlich, auch hier gibt es die Stimme aus dem Off.Wie ein Märchen will
Spielbergs Film wirken und das gelingt ihm auch. Eine
Zukunftsmöglichkeit, beileibe nicht die Zukunft, die man erwarten
sollte. Kubrick hätte das wohl nicht so gesehen. Unter ihm wäre der
Film kitschloser und wohl auch intensiver geworden, ähnlich halt
seinem "Clockwork Orange". Trotzdem ist Spielbergs Film ein visueller
Traum, auch wenn er inhaltlich oftmals seinem Thema nicht gerecht
wird. Besonders in der ersten Hälfte benutzt der Oscar-Gewinner
ausgefallene Farben- und Kameraspiele, präsentiert die Zukunft durch
das Leben von Henry und Monika als einen technologischen, wenn auch
etwas sterilen Traum, der gefallen kann, um diesen dann als bloße
Fassade zu enttarnen. Denn außerhalb dieser heilen Welt herrscht das
Chaos, ein Kampf zwischen Mechabefürwortern und ihren Gegnern. Roboter
sind Maschinen, dass sehen beide Parteien so, Metall ohne Gefühl und
echten Verstand. Sie verstehen nichts von den Schmerzen und dem Leid,
die auch ein künstliches Wesen empfinden kann, Emotionen die ihnen von
Menschenhand eigentlich ja eingetrichtert wurden, oftmals wesentlich
stärker als ein Mensch sie überhaupt empfindet.
David, dass ist das ausgeprägteste Model der Emotionsmaschine, während
der künstliche Penetrator Joe weiß, wofür er gebaut wurde und was er
leisten muss, hat man bei David jedoch bewußt vergessen dem Programm
mitzuteilen, dass es niemals die Stufe übertreten soll zu denken, dass
es echt sein könnte. Und das macht ihn menschlicher als alle Menschen.
Er ist nicht nur darauf geeicht zu lieben, sondern auch darauf geliebt
zu werden und alles dafür zu tun.
Zu sehr soll man sich mit dem Roboter David jedoch identifizieren und
mit ihm leiden, die kritischen Töne geraten da schnell in
Vergessenheit und werden nur in einigen Dialogen deutlich, z.B. dann
wenn Joe David erklärt, warum die Menschen Angst vor einer Übermacht
der Mecha haben.Gerade in diesem Dialog wird das Skalvendasein der
Mecha deutlich und dass, sie sich nur in ihr Schicksal fügen, das
Programm, dass schon lange anscheinend standardmäßig eingebaut wird
erinnert zu sehr an den Menschen, er ist einen Schritt zu weit
gegangen, der Roboter ist zum Ebenbild geworden, der irgendwann
aufbegehren könnte.
Brilliant besetzt ist "A.I." in den Hauptrollen. Haley Joel Osment
überzeugt als ungeliebtes Robotor-Kind wesentlich mehr noch als im
Mystik-Thriller "The Sixth Sense" und dürfte sich damit wohl die
zweite Oscarnominierung in seiner jungen Karriere sichern. Jude Law
versteht Gigolo Joe den Dandyhaften Charme und die Eitelkeit zu geben,
auf die ein Liebesroboter wie er programmiert sein müßte und Frances
O'Connor spielt sich tapfer durch ihre mitunter kitschgetränkte Rolle
der hin und her gerissenen Mutter.
Und dann sind da noch die fabelhaften Roboterkreationen, einige von
ihnen sehen absonderlich, gar erschreckend aus, zeichnen jedoch ein
reichhaltiges Bild davon wie sich die Technik nach den Vorstellungen
Spielbergs entwickeln könnte.
Ein Spielberg-Film soll, mit wenigen Ausnahmen natürlich, komplett
Familien-tauglich sein. Um dies bei "A.I." zu schaffen wird noch ein
Kindheitssymbol eingeführt, der Teddybär, der treue Begleiter Davids
auf seiner Reise. Tricktechnisch wurde auch hier wunderbares
geleistet, der Robo-Bear läuft, spricht und bewegt sich äußerst
flüssig, ist dabei niedlich und gibt gerade dadurch dem Film noch eine
geringe, aber vorhandene sarkastische Note. Auch er will mehr als nur
ein Spielzeug sein, genauso wie David.
Spielberg selber versteht seinen Film nicht als Hommage an Kubrik,
sondern schon als eigenständiges Werk, auch wenn er den toten
Regiekollegen durch Verweise in seiner Inszenierung immer wieder in
Erinnerung zu rufen versucht. In Spielbergs Film sind jedoch genug
Kleinigkeiten, die ein Kubrik gescheut hätte, auch wäre sein Film
wesentlich brutaler ausgefallen, auch wäre er mit Sicherheit nicht auf
die Idee gekommen Aliens mit in die Handlung einzubauen, die den
Menschen zwar um seine Seele beneiden, jedoch wesentlich humaner sind
als die Erdenbewohner selbst.
Spielbergs Film kann überzeugen, aber die Risse sind kaum übersehbar,
Risse, die ein Kubrik zu stopfen gewußt hätte bzw. die ein Kubrik gar
nicht hätte entstehen lassen. Ein Meisterwerk zu produzieren ist
schwer, Spielberg scheitert hier an dem selben Problem an dem er schon
seit Mitte der 80er immer wieder scheitert, nur bei "Schindlers Liste"
konnte er dieses erträglich umgehen: der Kommerzialisierung
Hollywoods. Only Money sells, doch gerade ein Mann wie Spielberg
sollte fähig sein das Risiko eines Flops einzugehen, zumal sein "A.I."
so wie er ist auch nicht gerade Kassenrekorde aufstellen dürfte. Mit
einem Einspielergebnis von nicht einmal 100 Millionen Dollar in den
USA bleibt er hinter seinen Erwartungen zurück - und Spielberg hat
zudem nur einen Film, der zwar gelungen, aber trotzdem nicht ganz gar
ist.
Fazit: 8/10
Sebastian Schmidt
Mehr zum Film gibt es hier:
http://www.more-magazin.de/showmovie.php?id=424