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Kritik: Alaska.de
- Subject: Kritik: Alaska.de
- From: Sebastian Schmidt <schmidt@more-magazin.de>
- Date: 8 Dec 2001 15:01:29 GMT
- Approved: tln@zedat.fu-berlin.de (drfk-mod)
- Expires: Tue, 08 Jan 2002 00:00:00 GMT
- Followup-to: de.rec.film.misc
- Keywords: schmidt 2/1812 imdb0248628
- Newsgroups: de.rec.film.kritiken
- Organization: Mailgate.ORG Server - http://www.Mailgate.ORG
- Sender: tln@zedat.fu-berlin.de (Thorsten L Nicolai)
- Xref: read.news.de.uu.net de.rec.film.kritiken:1851
Alaska.de
Von allen verlassen glaubt sich die 16jährige Sabine (Jana Pallaske),
als ihre Mutter sie zu ihrem Vater abschiebt um mit ihrem neuen Freund
ein neues Leben führen zu können. So beginnt Sabines neues Leben
irgendwo in der tristen Ostzone Deutschland mit der traurigen
Erkenntnis, dass es noch schlimmer kommen kann als es bisher war.
Zwischen tristen Plattenbausiedlungen muss sie sich nun zurecht
finden, in Hochhäusern, in den die Menschen in trister Anonymität
leben. Auch in der neuen Schule scheint es nicht wirklich besser zu
werden. Die Jugendlichen hier pendeln alle ausnahmslos zwischen
Verbrechen und totaler Rebellion, die Ausweglosigkeit ist erdrückend.
Innerhalb kürzester Zeit entwickelt sich zwischen der verschlossenen
Sabine und dem robusten Eddie (Frank Droese) eine Art Haß-Liebe. Um
vor seiner Clique aus Halbstarken, die von dem Gelegenheitsverbrecher
Micha (Toni Blume) angeführt wird, nicht zugeben zu müssen, dass ihm
die Neue durchaus sympathisch ist, kränkt er sie lieber. Sabines
könnte nun genauso wie ihre neuen Bekannten in der Einöde dieses
sozialen Niemandslandes untergehen, doch vorher kommt ein Mord
dazwischen. Auf dem Heimweg findet sie einen toten Jungen, kurz zuvor
sah sie Micha noch mit einem Messer davon rennen. Dieser beginnt sie
nun zu bedrohen und hat vor, obwohl sie beharrlich über die Tat
schweigt, aus Angst vor dem Gefängnis die lästige Zeugin verschwinden
zu lassen. Was Sabine nicht ahnt, ist, dass Micha gar nicht der war,
der zugestochen hat, sondern Eddie in einer Reflexhandlung um seinem
Freund zu helfen die Tat begangen hat. Um herauszufinden was Sabine
wirklich weiß macht sich Eddie an sie heran und verliebt sich dabei
endgültig in das Mädchen. In dieser Gesellschaft und in dieser
Situation ist für romantische Gefühle jedoch kein Platz, ein
Spießroutenlauf beginnt bei dem keiner wirklich weiß, was er da
eigentlich tut...
Eine Charakterisierung deutscher Jugendlicher in der Ostzone versucht
Esther Gronenborn mit ihrem Debütfilm zu schaffen. Gut durchdacht hat
sie ihre Geschichte, sie will zeigen wie unterentwickelt dieses Land
ist, wie man gerade als junger Mensch an den sozialen Mißständen nur
scheitern kann. Ein sehr löbliches Unterfangen, nur leider übertreibt
Frau Gronenborn meistens. Zu sehr will sie zeigen, dass sie ihr
Regie-Handwerk beherrscht und spult die ganze Palette an Möglichkeiten
ab, von Farbsymbolik bis Handkamera, von Zeitlupen bis Wackelbildern
um Drogenkonsum zu verdeutlichen. Dies schadet ihrem Film jedoch, denn
es bläht ihn auf unsinnige Weise auf. Hier wird eine kleine Geschichte
erzählt und kleine Geschichten brauchen kleine Filme, sonst sind sie
am Ende zerdehnt, langweilig, mißlungen. Mißlungen ist jedoch ein
Begriff der hier nicht greift, dafür ist "Alaska.de" immer noch zu
interessant, auch wenn man sich zu oft fragt warum dieser oder jener
Effekt nun benutzt wird, meistens ist die Antwort nur eine: weil es
schick ist. Doch gerade das steht in Kontrast mit Aussage und Story,
denn daran ist nichts schickes, nur bedrückendes.
Auch die Charakterisierung der Jugendlichen kann nicht so recht
überzeugen. Besonders die Position von Eddie bleibt unklar, die Liebe
der beiden Protagonisten kann nicht so Recht nachvollzogen werden. Es
handelt sich hier um zwei Menschen, die weniger zusammenfinden weil
sie sich gegenseitig so toll finden, der Grund ist viel eher die
emotionelle Armut in der sie leben und aus der sie sich befreien
wollen. Eddie lebt in dieser schon sein ganzes Leben, Sabine hingegen
erst ein paar Tage. Sie kommt eigentlich aus einer ganz anderen Welt,
das ist deutlich, auch wenn man im Vorfeld kaum etwas über sie
erfährt. Ihre Welt war bisher höchstens angeknackst, aber keineswegs
zerstört, ansonsten wäre sie dazu fähig mit der Situation umzugehen.
Und von Fiesling Micha bleibt am Ende nicht viel mehr übrig als ein
recht klischeehafter Jugendlicher ohne Ideale.
Reife zeigt die Story an sich aber sehr viel. Ohne in Kitsch
abzudriften wird das Umfeld der Figuren präsentiert als eine Welt ohne
Halt. Dass nicht gerade hoffnungsvolle Ende ist in diesem Fall eine
mehr als nötige Konsequenz, die man außerhalb des europäischen Kinos
wohl nur schwierig hätte durchsetzen können.
Als frisches deutsches Kino geht "Alaska.de" mit Sicherheit durch, er
mag oft gewöhnungsbedürftig sein, verlangt von seinem Publikum aber
Hirn. Er ist nicht witzig, auch nicht sonderlich unterhaltsam, aber
trotz manchmal sehr grober Figurenzeichnung glaubhaft genug um bei
Laune zu halten und ihn innerhalb eines großen filmischen Repertoires
als Bereicherung sehen zu können.
Fazit: 6/10
Sebastian Schmidt
Mehr zum Film:
http://www.more-magazin.de/showmovie.php?id=16