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Kritik: A Beautiful Mind



Filmkritik "A Beautiful Mind"

Gesehen am 20.02.2002 im Residenz Kinocenter Bückeburg (Sneak Preview)

Filme wie "Einer flog über Kuckucksnest" oder "Girls interrupted"
thematisierten sie, Alfred Hitchcock und David Fincher spielten in ihren
Filmen mit ihr, der Horrorfilm missbrauchte sie: Die Schizophrenie. Noch
heute ist diese endogene Psychose, die der Münchener Ordiniarius für
Psychiatrie Ernst Kraepelin unter dem Begriff "Dementia Praecox"
beschrieb und für die der Züricher Psychiater Eugen Bleuler 1911 den
Begriff Schizophrenie einführte, eine der rätselhaftesten,
unheimlichsten und besonders von Vorurteilen überfrachteten Störungen.
Nur wenigen Filmen gelang es bisher, sich dem sensiblen Thema der
Psychosen, insbesondere der Schizophrenie, angemessen zu nähern. Ron
Howard nahm sich in "A Beautiful Mind" des schwierigen Sujets mit einem
biographischen Portrait an, welches zwar nie die Gefilde eines
aalglatten, blockbuster-gepolten Hochglanzproduktes verlässt, dafür aber
mit hochklassigen Darstellerleistungen aufwarten kann. 

Es ist die bewusst nicht allzu authentisch gehaltene Geschichte des
Mathematikers John Forbes Nash, der in den 50er Jahren an paranoider
Schizophrenie erkrankte und jahrelange soziale und berufliche Isolation
hinnehmen musste. In den 90er Jahren erlebte er ein geradezu triumphales
Comeback, welches 1994 mit dem Nobelpreis gekrönt wurde. Mit 21 Jahren
entwickelte der Schüler Einsteins an der Princeton University eine
Spieltheorie, die vor allem die Wirtschaftswissenschaften
revolutionierte. Sylvia Nasar hielt seine Biographie in dem Buch "Auf
den dunklen Meeren des Denkens" fest, wobei sie die gesamte
Widersprüchlichkeit dieses vielschichtigen Charakters berücksichtigte:
Der echte Nash war laut Sylvia Nasar Antisemit, bisexuell, neigte zu
Gewaltausbrüchen, war kein guter Vater und behandelte seine beiden
Ehefrauen schlecht.

Von alldem ist bei Ron Howard nicht mehr viel übrig geblieben. Genauso,
wie in Akiva Goldsmans Drehbuch all jene wirklich dunklen Seiten des
echten John Nash wegretouchiert und mit Hollywood'schem Weichzeichner
übertüncht wurden, genauso wenig erfährt der Zuschauer von den
wissenschaftlichen Errungenschaften des Nobelpreisträgers. Howard und
Goldmans zeichnen das Bild eines schrulligen, zeitweilig völlig
hilflosen, aber unbeugsamen Psychosekranken, der ausnahmslos als Opfer
seiner Störung stilisiert wird. Angefangen vom linkischen, aber
zeitweise bodenlos überheblich und arrogant  auftretenden Jungakademiker
über den Erwachsenen, der wegen seiner Krankheit beruflich scheitert und
das Höllenmartyrium der Psychiatrie, Stand 50er Jahre, mit Insulin- und
Elektrokrampftherapie über sich ergehen lassen muß, bis in hohe Alter
portraitieren Howard und Goldsman den Lebensweg eines Mannes, der trotz
psychischer Krankheit voll und ganz dem Ideal des American Dream
entspricht, der sich gegen alle Widrigkeiten am eigenen Schopf aus dem
Morast zieht, um am Schluss zu triumphieren.

Es sind die einfach großartigen Darstellerleistungen, die "A Beautiful
Mind" dennoch sehenswert machen. "Können diese Muskeln rechnen?"
hinterfragte eine deutsche Tageszeitung, warum mit Russell Crowe
ausgerechnet ein vor allem durch seine physischen Rollen populär
gewordener Darsteller die trotz hollywood'scher Reinlichkeit immer noch
recht komplex angelegte Rolle des schizophreniekranken Mathematikgenies
übernommen hatte. Die Antwort lautet: Er kann. Die Erkenntnis, dass dem
1964 in Neuseeland geborenen Darsteller der Oscar für "Gladiator" nur
als Entschädigung für die verweigerte Prämierung in "The Insider"
verliehen wurde, hat sich inzwischen als Allgemeingut etabliert. 

Und dem Australier Crowe gelingt es tatsächlich meisterhaft, diesem
brüchigen, zerrissenen und verletzbaren Charakter subtil und glaubhaft
Gestalt zu geben. Mit jedem Moment nimmt man ihm den jungen,
exzentrischen Mathematiker ab, der sich auf dem Feld des abstrakten
Denkens als Geist von visionärem Format beweist, aber in der realen
Welt, im zwischenmenschlichen Leben als unbeholfener, linkischer und
neurotisch wirkender Sonderling auftritt. Sprache, Mimik und Agitation
des jungen John Nashs schwanken zwischen angstvollem Zurückscheuen und
taktloser Direktheit, welches sehr genau der Phänomenologie schizoider
bis schizophrener Verhaltensstrukturen entspricht, wie sie Fritz Riemann
in seiner tiefenpsychologischen Studie "Grundformen der Angst" dargelegt
hat. Über seine Wissenschaft sucht Nash eine Art Fernkontakt zum Leben,
dessen direkt-hautnahe Berührung er einerseits scheut, anderseits
verzweifelt sucht. Treffend illustriert Ron Howard dies in einer
Kneipenszene, in der Nash die Anwesenheit fünf junger Frauen und die
sich daraus ergebenden möglichen Folgen für ihn und seine Freunde in
seinem Kopf sofort zu einer mathematischen Theorie verdichtet. Auch den
übersteigerten Narzissmus, der bei schizoiden und schizophreniekranken
Charakteren häufig zu beobachten ist, bebildern Ron Howard und sein
Hauptdarsteller glaubwürdig: Während der junge Nash die Arbeiten seiner
Kommilitonen zynisch als wertlos und minderwertig abqualifiziert, lässt
ihn bereits ein verlorenes Brettspiel einen Tobsuchtsanfall erleiden.
Diese Art der Interaktion Nashs mit seiner Umwelt beschrieb Fritz
Riemann sehr gelungen mit dem Bild der "schleifenden Kupplung": Beim
geringsten Misstrauen wird ausgekuppelt, ebenso ruckartig kann wieder
eingekuppelt werden, was dem Kontaktverhalten jenen für Schizoide so
typischen abrupten Charakter verleiht und durch das ständige Pendeln
zwischen taktloser Offenheit und blitzartigem inneren Rückzug zu einer
immer größeren Verständigungskluft mit der Umgebung führt. Wie John Nash
langsam, aber unaufhaltsam immer weiter in diese Zustände der
Derealisation und der paranoiden Scheinempfindungen hineingleitet, wie
er auch äußerlich und körperlich immer mehr verfällt, diese abwärts
gerichtete Spirale verkörpert Russell Crowes Spiel mit beeindruckender
Intensität.

Crowes Part ist jedoch nicht als Solo-Auftritt angelegt, sondern als
Paarlauf mit Co-Star Jennifer Connelly in der Rolle seiner
aufopferungsvollen Ehefrau Alicia. Die 31jährige Darstellerin, die ihre
Karriere in den 80ern in Sergio Leones "Unce Upon A Time in America" und
in Dario Argentos "Phenomena" begann, liefert als verletzliche, aber
tapfere und sich letztendlich gegen das Schicksal aufbäumende Lebens-
und Leidensgefährtin Nashs eine Bravourleistung ab. Es ist das
klassische Motiv von der Schönen und dem Biest, welches Connelly und
Crowe in perfekter Ergänzung verkörpern. Ergänzt wird diese
Ensembleleistung durch die beiden brillianten Charakterdarsteller Ed
Harris und Paul Bettany sowie Altstar Christopher Plummer in der Rolle
von Nashs Psychiatriearzt.

Mit faszinierenden Bildern lässt Ron Howard Nashs Gedankengänge, sein
Sehen und Erleben miterfahren. Dabei verwischen, zunächst nicht
erkennbar, die Grenzen zwischen Realität, Einbildung und Halluzination,
was den Zuschauer den Weg des Mathematikers in die immer tieferen
Abgründe der Paranoia und das Wahnerleben mitgehen und miterleiden
lässt. Die Illusion erreicht lange nicht das Format eines "Fight Club"
oder eines "6th Sense", dennoch gelingen Howard einige wirklich
beklemmende Sequenzen. Die magischsten Momente besitzt der Film,  wenn
John Nash aus Zeitungsüberschriften und Illustrierten für seine Umgebung
nicht sichtbare Codes herausliest und diese - dann für den Zuschauer
visuell miterlebbar - zu einem neuen logischen Konstrukt zusammenfügt.
Wirklich angsteinflößend sind jene Sequenzen, in denen der Zuschauer die
wahren Szenerien enthüllt bekommt, die sich hinter den von John Nash
zusammenphantasierten Scheinwelten verbergen.

"A Beautiful Mind" ist unterteilt in drei Abschnitte. In der Exposition
werden John Nash als leicht verschrobener, aber ansonsten unauffälliger
Jungwissenschaftler In Princeton, seine Freunde, seine Umgebung und sein
Lebenssituation eingeführt, sein beruflicher Werdegang nachgezeichnet
und die sich am Horizont abzeichnende persönliche Katastrophe in
kleinen, geschickt gestreuten Handlungseinsprengseln angedeutet.  Der
zweite, zugleich düsterste und beste Teil schildert die Offenbarung
seiner Erkrankung und seinen Absturz, wobei sich manches zunächst
absonderlich bis unwirklich erscheinende Handlungsgeflecht auf
erschreckend logische Weise auflöst und hinter zahlreichen potemkinschen
Dörfern des ersten Teils die hässliche Fratze paranoider Wahnvorstellung
enthüllt wird. Teil drei bildet dann leider die unvermeidliche,
melodramatische und viel zu lang gezogene hollywoodeske Auflösung, in
der sich alles zum märchenhaft Guten wendet und die allem
vorangegangenen Horror zum Trotz weitestgehend in überbordender,
schmalztriefender Glückseligkeit erstickt. Denn natürlich ist es - ganz
im Gegensatz zur wahren Biographie John Nashs - allein die echte, wahre
Liebe der treusorgenden Ehefrau Alicia, die dem Helden das (Über-)leben
trotz paranoiden Wahns ermöglicht. Hätte sich Howard hier kürzer gefasst
oder gar ganz verzichtet, es hätte beinahe eine Meisterwerk werden
können. 

Johannes Pietsch