[Subject Prev][Subject Next][Thread Prev][Thread Next][Subject Index][Thread Index]
Kritik: 8 femmes
- Subject: Kritik: 8 femmes
- From: "Andreas C. Lazar" <lazar@z.zgs.de>
- Date: 25 Aug 2002 08:36:04 GMT
- Approved: tln@zedat.fu-berlin.de (drfk-mod)
- Expires: Wed, 25 Sep 2002 00:00:00 GMT
- Followup-to: de.rec.film.misc
- Keywords: lazar 8/2032 imdb0283832
- Newsgroups: de.rec.film.kritiken
- Organization: None
- Sender: tln@zedat.fu-berlin.de (Thorsten L Nicolai)
- Xref: read.news.de.uu.net de.rec.film.kritiken:2078
Kritik von Andreas C. Lazar, http://www.moviebazaar.de/
8 femmes (F 2002)
Regie: François Ozon
Darsteller: Catherine Deneuve, Fanny Ardant, Isabelle Huppert,
Emmanuelle Béart, Virginie Ledoyen, Danielle Darrieux
Inhalt: Mord in einer herrschaftlichen Villa! Alle sind verdächtig.
Kritik: Das vielbeklagte Elend des ewiglich todkranken deutschen Filmes
wird nicht zuletzt dann deutlich, wenn man, über ein fast ganz und gar
wunderbares Werk unserer nächsten Nachbarn wie 8 femmes nachdenkend,
sich vorstellt, wie dieser Film aussähe, käme er aus dem Land zwischen
Bottrop und Bitterfeld: Veronica Ferres in einem tief ausgeschnittenen
Ballkleid aus der Sammlung der Björn-Steiger-Stiftung, durch eine in
Bielefeld befindliche Villa torkelnd wie ein sterbendes Kamel in der
Wüste; Iris Berben, den furchtbaren Blick auf ihre Unterwäsche
offenbarend; Katja Riemann im vergeblichen Versuch, komisch zu sein,
tatsächlich aber nur zur Sterbehilfe tauglich; und als Regisseur der
cholerische, rumpelstilzchenhäßliche Dieter Wedel mit seiner bewährten
Methode, bekannte Filmvorbilder krakelig abzupausen wie der
zurückgebliebene Kasper der ersten Klasse. Schnell also die protzige, an
den deutschen Kinojammer gemahnende Synchronisation, welche tatsächlich
Katja Riemann anstelle der unvergleichlichen Isabelle Huppert "bietet",
geflohen, und ins wie immer wohlklingend romanische Original.
Bonbonbunt rosa gekleidet also schneit die hier leicht angerundete, vor
allem aus The Beach und der Werbung bekannte Virginie Ledoyen ins
ebenfalls herrlich technicolorfarbene, ausladende Anwesen ihres Vaters,
während vor dem Fenster die Flocken aus der Schneekanone still fallen.
Ihre Mutter (Catherine Deneuve), ihre Großmutter mütterlicherseits
(Danielle Darrieux), ihre kleine Schwester (Ludivine Sagnier), ihre
Tante mütterlicherseits (Isabelle Huppert), das Zimmermädchen Louise
(Emmanuelle Béart) und die Köchin Madame Chanel (Firmine Richard)
begrüßen die Studentin mehr oder weniger herzlich, und schon hier wird
klar, daß einen mit François Ozons Kinovergnügen kein normaler Film
erwartet: so streng die antike Einheit von Raum, Zeit und Handlung
gewahrt wird, so ausgelassen und im mehrfachen Sinne des Wortes farbig
gibt sich die hier versammelte Elite der weiblichen französischen
Leinwandstars im bissig-spritzigen Spiel miteinander. Allein Catherine
Deneuves zeitlos elegante Darstellung der herrschaftlichen Gaby,
Emmanuelle Béarts schlangenzüngige und schnippische Louise, Ludivine
Sagniers frisch-neugierige Catherine und Isabelle Hupperts wundervoll
verstockte und aufbrausende alternde Jungfer Augustine hätten jeweils zu
Hauptdarstellerinnen eines ganz eigenen Filmes gereicht und werden
zusammen daher auch zu einem einmalig unvergeßlichen - und dank der von
den einzelnen Charakteren meist recht ordentlich gesungenen Lieder sogar
sehr beschwingten - Erlebnis.
Die Lieder sind es auch, die einiges über die Beziehungen der acht
Frauen - mittlerweile ist Pierrette dazugestoßen, die von der
wunderbaren Fanny Ardant so rauchig-attraktiv wie mysteriös-hypnotisch
gegeben wird - zu Marcel verraten, dem gutmütigen pater familias, der am
Anfang des Films offenbar ermordet aufgefunden wird, was wie schon in
Robert Altmans hochklassigem Gosford Park zu einer Untersuchung führt,
bei der das Opfer und sein Tod letztlich die unwichtigste Rolle spielen.
In einem raschen Reigen kommen dunkelste Geheimnisse aller Art ans
Licht, mit denen Ozon und seine Damen ihre meist gelungen-frivolen, ab
und an aber gar zu übermütigen Scherze treiben, so daß das herzliche
Lachen ein- oder zweimal fast im Halse steckenzubleiben droht. Juwelen
wie das gekonnt altmodisch den Film begleitende Ton- und Bildhandwerk,
Deneuves Gesang, Hupperts Verwandlung, Béarts treffend giftige
Bemerkungen und alle Szenen Ardants mit oder ohne Deneuve aber machen
jene kritischen Momente schnell wieder vergessen und 8 femmes zu einem
lupenreinen, quirligen Ensemble- und Musicalspaß, der freilich auf das
Plateau weltenschweren Filmemachens nicht mehr Gewicht bringt als
Virginie Ledoyen auf ihre Badezimmerwaage. Aber das in einer entzückend
schönen Hülle.
4 von 5 Sternen.
--
+++ http://www.moviebazaar.de/ +++