[Subject Prev][Subject Next][Thread Prev][Thread Next][Subject Index][Thread Index]

Kritik: Army go home!



Filmkritik "Buffalo Soldiers" ("Army go home!")

Gesehen am 09. Oktober 2002 im Residenz Kinocenter Bückeburg (Sneak
Preview)

Kinostart: 31.10.2002

Seit Ende der 90er Jahre lässt das Hollywood-Kino einem ungesunden Trend
folgend den Krieg nicht mehr nur in flammenden Antikriegs-Klageliedern
stattfinden, sondern zunehmend wieder in klassischen,
miltär-ehrerbietigen Heldengedichten. Filme wie "We were soldiers",
"Windtalkers", "Behind enemy lines" oder "Blackhawk Down" idealisierten
- obwohl in den meisten Fällen noch vor dem 11. September gedreht - das
Schießen und Sterben trotz halbwegs realistischer Darstellung des Kriegs
wieder zur Soldatenherrlichkeit klassischer (Film-)Schule: Der Soldat
als heroisierter Recke im Kreuzfeuer zwischen gesichtslosen Feinden und
unfähigen, zumeist zivilen Befehlshabern. Da tut es gut, dass das
zeitgenössische Kino die Militärsatire als klassischen Gegenentwurf zum
soldatischen Heldenlied nicht vergessen hat: Gregor Jordans "Buffalo
Soldiers", in Deutschland unter dem Titel "Army go home" im Kino zu
sehen, ist eine solche, und sie trifft Onkel Sam dort, wo es ihm derzeit
sicherlich am meisten weh tut: Bei seinen tapferen Jungs in Uniform. 

Westdeutschland im Herbst 1989, kurz vor dem Fall der Mauer. Obwohl der
Warschauer Pakt auf dem Papier noch besteht, ist der kalte Krieg von den
meisten Militärstrategen innerlich längst zu den Akten gelegt. Auf einer
US-Basis in Karlsruhe langweilen sich die GIs zwischen unfähigen
Offizieren und lächerlichen Kriegsspielchen ein glattes Rudel
Schneewölfe. Hier residiert Ray Elwood wie die Made im Speck: Der
Selfmade-Überlebenskünstler hat den Job als "US Army Spezialist" einer
langen Gefängnisstrafe daheim vorgezogen und auf dem westdeutschen
Armeestützpunkt das Lavieren und Manövrieren als Kleinkrimineller zur
Kunstform erhoben.

Elwood, der sicherlich nicht zufällig genauso heißt wie der schlaksige
von John Landis beiden Blues Brothers und von Joaquin Phoenix in einer
Mischung aus behäbiger Genusssucht, gefälliger Nonchalance und
lakonischer Durchtriebenheit gespielt wird, ist ein Organisationsgenie
im Chaos der amerikanischen Streitkräfteversorgung: Wo es eines
hochprozentigen Reinigungsmittels bedarf, da bestellt der engagierte
Vaterlandsdiener auch schon einmal die hundertfache der gebrauchten
Menge, um diese dann generalstabsmäßig auf dem örtlichen Schwarzmarkt zu
verhökern.  Der weichherzige, gutgläubige vorgesetzte Colonel wird mit
einigen markigen Sprüchen zufrieden gestellt und anschließend seine
Ehefrau flachgelegt. Elwood ist die umtriebige Militär-Variante von John
Hughes Ferris Bueller aus "Ferris Bueller's day off", ein missratener,
vor Amoral nur so triefender entfernter Verwandter des Soldaten Schwejk,
der das auf den Stufen der Army-Kaserne vermerkte Motto "Be all you can
be" zu seinem persönlichen obersten Gesetz uminterpretiert: Sich alles
zu gönnen und sich niemals erwischen zu lassen. 

"Krieg ist die Hölle, aber Frieden ist höllisch langweilig." - Regisseur
Gregor Jordan lässt sich die US-Boys in der westdeutschen Provinz im
wahrsten und bildlichsten Sinne zu Tode langweilen. Als ein schwarzer
Rekrut beim improvisierten Footballgame in der vor Ödnis nur so
strotzenden Mannschaftsunterkunft zu Tode kommt, verpassen die übrigen
Soldaten ihrem dahingeschiedenen Kameraden post mortem einen Freiflug
aus dem vierten Stock, um den Angehörigen mitteilen zu können, er sei
bei Reparaturarbeiten auf dem Dach der Kaserne umgekommen. 

Schon hier treibt der junge australische Regisseur auf makaberste Weise
mit dem Entsetzen Scherz. Als die komplett bekiffte Besatzung eines
Panzers ins Manöver rollt, bleiben mal eben eine explodierte Tankstelle,
zwei bis zur Unkenntlichkeit verkohlte US-Soldaten und ein herrenloser
Lkw voller Boden-Luft-Raketen vom Typ Stinger zurück  Und während die
Leichen US-Army-Specialist Ray Elwood nur einen gelangweilten
Augenaufschlag abringen, erkennt der Vollblut-Geschäftemacher in den
Raketen sofort die Chance für den ganz großen Deal. Stinger gegen Heroin
- so soll das Geschäft mit der örtlichen Russenmafia laufen. 
Dummerweise mischen sich unliebsame Konkurrenten in das Geschäft ein,
Elwood bekommt von seinem neuen Vorgesetzen, dem unbestechlichen,
beinhartem Vietnamveteranen Lee, Feuer unter dem Allerwertesten gemacht,
und während sich korrupte Militärs und Drogengangster auf dem
Army-Stützpunkt eine Schlacht um das Rauschgift liefern, fällt ganz
nebenbei die Berliner Mauer. 

"Buffalo Soldiers" ist ein tiefschwarzer, galliger und bös-satirischer
Abgesang auf die Ära des kalten Krieges und das Ideal der US-Armee als
Verteidiger des freien Westen gegen die kommunistische Bedrohung des
Warschauer Paktes. Gregor Jordan startet mit einer eigentümlich
verspielten und somnambulen Traumsequenz vom Fliegen, deren makabere
Bedeutung sich dem Zuschauer erst im flammenden Finale des Films
erschließt. Dann jedoch folgen die Tiefschläge unter die Gürtellinie des
Militärs im Stakkato-Takt: Die US-Truppen in "Buffalo Solders", dessen
deutscher Titel unberechtigterweise auf eine Parole der deutschen
Friedensbewegung der 80er Jahre verweist, sind fast ausnahmslos ein
Haufen bis ins Mark korrupter, charakterloser, verkommener
Taugenichtse,  ihre Offiziere inkompetente, neurotische Witzfiguren, die
sich bei gediegenen Cocktail-Partys in infantilem Schwanzlängenmessen
bezügliches des angeblichen militärischen Ruhmes ihre Vorfahren ergehen
und ihre Stützpunkte eine Mischung aus Sündenbabel und Campingplatz, wo
sich die Wachposten von Nuklearwaffendepots neben Grill und
Transistorradio im Liegestuhl lümmeln und sich die örtliche
Militärpolizei wie selbstverständlich als Drehscheibe für den
Heroinumschlag einer kompletten Stadt etablieren kann. Ray Elwood wird
nicht als entarteter Auswuchs, sondern als ganz natürliche Facette des
durch und durch verdorbenen Systems charakterisiert, ein kleiner Fisch
im großen, korrupten Spiel aus Schwarzmarktgeschäften, Drogen- und
Waffenhandel, der sich mit dem geplanten Deal der Stinger-Raketen so
sehr überhebt, dass er immer irrwitzigere und abstrusere Hakenschläge
vollführen muss, um mit heiler Haut aus dem selbst angerichteten
Schlamassel zu kommen.  

Selbst der unbestechliche Kriegsveteran Robert Lee, der natürlich
ausgerechnet so heißt wie der berühmte Konföderierten-General im
amerikanischen Sezessionskrieg, auf den sich die blasierten, 
dünkelhaften und affektierten Offiziersmemmen des Stützpunktes so gerne
berufen, versagt trotz drakonischer Maßnahmen (so findet zum Beispiel
Ray Elwoods schnieker Mercedes Benz im Übungsbetrieb der Truppe ein
schmähliches Ende) bei der Aufgabe, den fauligen Morast auszutrocknen. 
In anderthalb Stunden vollzieht "Buffalo Soldiers" dabei die Pirouette
von Gaunerkomödie über Sozialdrama bis zur völlig surrealistischen
Groteske, die in ihrem feurigen Finale nichts mehr ernst nimmt, weder
ihre nachtschwarze Story noch ihre zappeligen Figuren. 

Darstellerisch hat "Buffalo Soldiers" Hochkarätiges zu bieten: Neben
Joaquin Phoenix, der zunächst von Elizabeth McGovern und anschließend
von der wie immer hinreißenden Anna Paquin umschwirrt wird,  ist der
ansonsten eher auf markige Typen abonnierte Ed Harris als einfältiges,
weinerlich-versponnenes Mondkalb Colonel Wallace Berman eine Augenweide.
Scott Glenn verleiht dem eisigen Sergeant Lee, der seine 
brutal-sadistische Ader mit dem Etikett des unbestechlichen
Moralapostels kaschiert, den nötigen Stich ins Pathologische. 

Auch wenn Gregor Jordan die moralischen Abgründe grotesk überzeichnet,
so ganz ab von der Realität ist seine Darstellung nicht. Tatsächlich
durchlebte die US-Armee in den letzten Jahren des Ost-West-Konfliktes
eine massive Identitätskrise. In Folge von Rekrutierungsschwierigkeiten
in den USA verfiel man darauf, jungen Straftätern wie im Falle Ray
Elwoods als Alternative zum Knast den Dienst an der Waffe auf
unbeliebten Standorten - wie zum Beispiel in Europa - anzubieten. Erst
mit dem militärisch erfolgreichen Krieg im Irak 1991 konnte sich das
US-Militär in der öffentlichen Meinung rehabilitieren. Truppenintern
wurden tatsächlich Ausputzer vom Format des Army-Sergeanten Lee
eingesetzt, um die faulen Eier auszumerzen.

Auch wenn diese Ära mehr als ein Jahrzehnt zurückliegt, ist das Thema in
Zeiten wiederentdeckter Soldatenherrlichkeit und eines drohenden Kriegs
im Irak aktueller als je zuvor. George W. Bush dürfte diesen Film
hassen. Wenn er ihn denn je zu sehen bekommt: In Amerika hat "Buffalo
Soldiers" bis heute keinen Starttermin. 

7 von 10 Punkten