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Kritik: =?iso-8859-15?Q?Verr=FCckt?= nach Paris
- Subject: Kritik: =?iso-8859-15?Q?Verr=FCckt?= nach Paris
- From: Michael Holzt <kritik@sneakreview.org>
- Date: 13 Dec 2002 11:57:34 GMT
- Approved: tln@zedat.fu-berlin.de (drfk-mod)
- Expires: Mon, 13 Jan 2003 00:00:00 GMT
- Followup-to: de.rec.film.misc
- Keywords: holzt 8/2091 imdb0327226
- Newsgroups: de.rec.film.kritiken
- Organization: None
- Sender: tln@zedat.fu-berlin.de (Thorsten L Nicolai)
- Xref: read.news.de.uu.net de.rec.film.kritiken:2136
Verrückt nach Paris
Deutschland 2002
sneak.review 8
Drehbuch und Regie: Pago Balke, Eike Besuden
Darsteller: Wolfgang Goettsch, Frank Grabski, Corinna Harfouch u.a.
Laufzeit: 90 Minuten
Kinostart D: 12. September 2002
IMDB: http://us.imdb.com/Title?0327226
gesehen am 10. Dezember 2002 im Cineplex, Münster (Sneak Preview)
Brr, ist das kalt draussen. Erwartungsfroh habe ich mich bei -9°C zu
meinem Auto durchgeschlagen, um zu sehen, was es heute in der Sneak
gibt.
Eine Mogelpackung war es eigentlich, denn dieser Film ist schon vor
drei Monaten gestartet. Er hatte auch schon vor längerer Zeit in der
Sneak gezeigt werden sollen, aber man hatte Regisseur und einen der
Darsteller eingeladen, und das hatte sich zerschlagen. Aber heute war
es soweit, Regisseur Eike Besuden und einer der Hauptdarsteller Wolfgang
Goettsch präsentierten uns diesen außergewöhnlichen Film. Anschließend
stellten sie sich noch den Fragen des Publikums - eine rundherum
gelungene Vorführung.
Worum es geht:
"Verrückt nach Paris" ist die Geschichte von Karl, Hilde und Philip.
Die drei liebenswürdigen Behinderten (der Regisseur bevorzugt die
Bezeichnung "Besondere") leben in Bremen in einem Heim, wo sie
unter der Knute des strengen Heimdirektors stupide Arbeiten wie
Herstellung von Holzenten und Kartoffelschälen ausführen müssen.
Um der Tristesse zu entfliehen, machen sich die drei auf einen
gemeinsamen Ausflug. Zuerst führt sie ihr Weg dank der Hilfe eines
freundlichen Zugbegleiters mit der Bahn nach Köln, wo sie die
Umgebung um den Dom unsicher machen, aber leider auch von fiesen
Jugendlichen aufgemischt werden.
Mehr der Zufall verschlägt die drei schließlich in den Nachtzug
nach Paris. Im Zug lernen sie die engagierte Julia kennen, die
unserem Trio zu einer Unterkunft in Paris verhilft, und alles
daran setzt, den Betreuer Enno bei der Suche nach Karl, Hilde und
Philip zu stören.
Enno, gehetzt vom Heimleiter und ausgebrannt davon, unsere Truppe
immer wieder knapp zu verpassen, wandelt sich vom anfänglichen
Despoten unter dem Einfluß von Julia in einen anderen und besseren
Menschen und auch die drei Helden kehren nicht so nach Bremen
zurück, wie sie es verlassen haben. Denn Paris hat alle verrückt
gemacht...
Meine Kritik:
Ein Film über, mit und zum Teil auch von Behinderten, das klingt erstmal
nach schwerer Kost. Wer erwartet hier nicht eine bedeutungsschwangere,
sozialkritische Darstellung? Wer wagt es da, sich über Behinderte lustig
zu machen, habe sie es denn nicht schon schwer genug im Leben?
Die Regisseure Balke und Besuden sehen das anders, und die tatsächlich
behinderten Hauptdarsteller pflichten da bei. Auch Behinderte haben
ein Leben, und auch Behinderte haben Spaß und wollen welchen haben. Und
so ist "Verrückt nach Paris" auch kein Stück ernst, sondern eine heitere
Komödie in der es völlig normal ist behindert - oder eben "besonders" -
zu sein.
Darf man das? Ja, man darf. Integration heißt auch, den anderen wie
einen normalen Menschen zu behandeln. Und über normale Menschen macht
man auch einmal Späße. Warum also nicht auch mal über und mit Behinderten
lachen? Harald Schmidt, der oft wegen seiner Witze über Polen und andere
Randgruppen angefeindet wurde, hat einmal erzählt, daß er die besten
Witze von den Betroffenen selbst hört.
"Verrückt nach Paris" zeigt diese Realität ungeschminkt. Wenn in einer
Szene der armlose Philip kräftig niest, und anschließend von Hilde
aufgefordert wird, doch gefälligst die Hand vorzuhalten, dann fragt
man sich, ob das nicht ein wenig sehr zynisch ist. Doch wie Regisseur
Besuden versichert, hat sich dieses Ereignis vorher real so zugetragen,
und wurde für den Film aufgegriffen.
So regt der Film zum Nachdenken an. Die meisten von uns sind sicherlich
meist rücksichtsvoll im Umgang mit Behinderten. Doch grenzen wir sie
damit nicht eigentlich aus? Vielleicht würden wir den Betroffenen am
meisten Freude bereiten, wenn wir sie wie ganz normale Menschen
behandeln würden - nicht als Außenseiter, und vielleicht auch nicht
einmal als "Besondere". Sondern als ganz normale Menschen, die mit
uns lachen und weinen.
Es bleibt unklar, ob unterschwellig der Film nicht doch eine - diese -
Botschaft transportiert, und auf seine ganz eigene Art und Weise mit
viel Humor ein Stückchen Kritik an unserem Umgang mit Behinderten
äußert. Aber statt darüber zu philosophieren stelle ich lieber fest,
daß es sich bei "Verrückt nach Paris" um einen außergewöhnlichen Film
mit außergewöhnlichen schauspielerischen Leistungen handelt.
Ein wenig das Bild getrübt hat für mich allerdings die Darstellung
des Heimes und seiner Mitarbeiter. Hier wird eine trostlose Atmosphäre
gezeigt, und eher unterkühlte berechnende Angestellte. Auch Enno gibt
weite Strecken die Rolle eines absolut in seiner Position fehlplazierten
agressiven Betreuers.
Ich finde, daß hier den real in diesem Umfeld tätigen Personen Unrecht
getan wird. Aus eigener Anschauung (meine Mutter ist Gruppenleiterin
in einer Werkstatt für geistig behinderte Menschen) weiß ich, daß es sich
um einen Knochenjob handelt, der von fast allen in diesem Bereich
engagierten Menschen mit sehr viel Hingabe geleistet wird. Zustände
wie im Film sind im Deutschland des Jahres 2002 zum Glück äußerst
selten.
Die hier gezeigte Darstellung ist sicherlich für die Story des Filmes
unerlässlich gewesen, doch bleibt ein leicht schaler Nachgeschmack.
Dennoch ist der Film insgesamt zu empfehlen, und zu Recht mit dem
Prädikat 'besonders wertvoll' ausgezeichnet worden. Und ich könnte
es gar nicht schöner sagen, als es Hauptdarsteller Wolfgang Goettsch
am Ende der Vorführung selber tat: "Erzählt den Leuten, die den Film
noch nicht gesehen haben, daß sie reingehen sollen!"
Mein Bewertungszettel:
Ich gebe dem Film die Note:
2-3
Werden Sie den Film weiterempfehlen:
vielleicht
Welche Chancen hat der Film Ihrer
Meinung nach beim Publikum in Münster:
3
Zusätzliche Bemerkungen:
Große schauspielerische Leistung - allerdings ferab vom Alltag
geistig Behinderter.
Copyright (c) 2002 Michael Holzt, sneakreview.org